{"id":4814,"date":"2020-03-10T11:49:09","date_gmt":"2020-03-10T10:49:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=4814"},"modified":"2020-04-03T11:22:44","modified_gmt":"2020-04-03T09:22:44","slug":"placebo","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/aus-der-forschung\/forschungsergebnisse-aus-naturheilkunde-und-orthomolekularer-medizin\/placebo\/","title":{"rendered":"Placebo"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Placebo (lateinisch &#8222;ich \nwerde gefallen&#8220;) im engeren Sinne ist eine Tablette oder ein anderes \nmedizinisches Pr\u00e4parat, welches keinen pharmazeutischen Wirkstoff \nenth\u00e4lt und somit per Definition auch nicht durch einen solchen Stoff \neine pharmazeutische Wirkung verursachen kann.\n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Heilung aus dem Nichts?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So beruht ein solches Scheinmedikament nicht auf pharmakodynamischer,\n sondern auf rein psychischer Wirkung. Im medizinwissenschaftlichen \nSprachgebrauch werden heute im erweiterten Sinne auch alle anderen \ntherapeutischen Ma\u00dfnahmen als Placebo bezeichnet, die ohne \nnaturwissenschaftlich erwiesenen Wirkungsnachweis trotzdem eine positive\n Reaktion (Placebo-Effekt) am Patienten bewirken k\u00f6nnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit Jahren kennen Mediziner die erstaunlichen Wirkungen von  Scheinmedikamenten. Aber erst allm\u00e4hlich kommen Forscher den Ursachen  auf die Spur.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aus der Forschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Experiment verlief irritierend: Patienten aus Gruppe A erhielten \nnach einer Operation ein Placebo, also ein Scheinmedikament, in Form von\n Kochsalzl\u00f6sung gespritzt, damit ihre Schmerzen nachlie\u00dfen. Patienten \nder Gruppe B bekamen mittels einer Infusion bis zu acht Milligramm \nMorphin, allerdings ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen. Bei beiden \nGruppen wirkten die verabreichten Mittel gleich stark. \u201eWenn Sie also \neinem Patienten sagen\u201c, fasst Professor Fabrizio Benedetti von der \nUniversit\u00e4t Turin das Ergebnis zusammen, \u201edass ihm ein Schmerzmittel \ninjiziert wird, obwohl das gar nicht stimmt, ist das genauso wirksam, \nwie wenn Sie sechs bis acht Milligramm Morphin geben, ohne dass der \nBetreffende das wei\u00df.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst ab einer verdeckt verabreichten Morphindosis von zw\u00f6lf  Milligramm \u00fcbertraf der schmerzstillende Effekt des Arzneimittels den  des Scheinmedikaments. So konnten die Wissenschaftler nicht nur  nachweisen, dass auch ein Mittel ohne Wirkstoff wirkt, sondern dass ein  richtiges Medikament bis zu einem gewissen Grad ebenfalls  Placebo-Effekte besitzt und sein volles Potenzial erst dann entfaltet,  wenn etwa die Erwartung des Patienten und die Anwesenheit eines  Therapeuten hinzukommen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Schein wirkt: Placebo-Salbe lindert Schmerzen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">US-Forscher fanden heraus, warum eine v\u00f6llig wirkstoff-freie Salbe eine schmerzlindernde Wirkung entfalten kann.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit ihren Experimenten kamen die Wissenschaftler dem Geheimnis von \nPlacebos ein St\u00fcck weit auf die Spur: Die nur scheinbar wirksamen \nMedikamente d\u00e4mpfen offenbar die Aktivit\u00e4t ganz bestimmter Hirnregionen.\n Das berichten die US-Forscher in der j\u00fcngsten Ausgabe des \nWissenschaftsmagazins \u201eScience\u201c. Was sich im Gehirn genau abspielt, wenn\n Placebos ins Spiel kommen, konnten die Wissenschaftler mit Hilfe von \nKernspintomographen sichtbar machen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forscher verpassten ihren Probanden unterschiedlich starke \nStromschl\u00e4ge und setzten sie Hitzereizen aus. Dann erkl\u00e4rten sie den \nTestpersonen, dass ihnen eine schmerzstillende Creme helfen werde, die \n\u00e4u\u00dferen Schmerzreize besser zu ertragen. In Wirklichkeit enthielt die \nverwendete Creme aber gar keinen Wirkstoff. Dennoch reichte schon allein\n die Information aus: Die Probanden berichteten von einer deutlichen \nLinderung. Der Kernspintomograph zeigte, dass sie tats\u00e4chlich anders auf\n die Schmerzen reagierten. Unter dem Einfluss der Creme war die \nHirnregion, die f\u00fcr Schmerzen verantwortlich ist, weniger aktiv als ohne\n Placebo-Medikament.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forscher konnten au\u00dferdem feststellen, dass unter Einfluss des  Placebos andere Hirnregionen sehr aktiv waren: Nervenzellen, die den  K\u00f6rper auf drohende Schmerzen hinweisen, waren in einer Art  Dauerbereitschaft \u2013 ein Zeichen daf\u00fcr, dass das Gehirn durchaus \u00fcber die  Schmerzreize informiert war. M\u00f6glicherweise veranlassen genau diese  Schmerzwarner, dass k\u00f6rpereigene Substanzen ausgesch\u00fcttet werden, die  beruhigend auf das Schmerzzentrum wirken. \u201eDie Schmerzerwartung spielt  eine wesentliche Rolle in diesen Untersuchungen\u201c, erkl\u00e4rte Steve Cohen,  Psychologe am Institut f\u00fcr Psychiatrie gegen\u00fcber BBC-Online. \u201eWenn der  Proband damit rechnet, dass er ein Schmerzmittel erhalten wird, hat er  weniger Angst vor dem Schmerz\u201c, so der Experte, der aber zu bedenken  gibt, dass nicht jeder auf die Placebos gleich reagiert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Placebo &#8211; Wenn Scheinmedikamente gegen Schmerzen helfen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neueste Erkenntnisse best\u00e4tigen: Scheinmedikamente wirken umso besser, je mehr wir an sie glauben.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDiese Tablette wird die Schmerzen im Ihrem Arm lindern\u201c, sagt der \nArzt, und er beh\u00e4lt Recht: Der Patient versp\u00fcrt nach kurzer Zeit eine \ndeutliche Besserung seiner Beschwerden. Dass die Tablette keinerlei \nmedizinische Wirkstoffe enth\u00e4lt, spielt dabei keine Rolle, solange der \nPatient davon nichts wei\u00df. \u201eDieser Placeboeffekt entlarvt Patienten \njedoch keineswegs als Simulanten: Die Hirnforschung der letzten Jahre \nhat hochinteressante neue Erkenntnisse \u00fcber physiologische und \nbiochemische Abl\u00e4ufe beim Placeboeffekt gebracht, die es uns erlauben \nihn gezielt zu nutzen\u201c, so Dipl.-Psych. Dr. Claus Derra bei einer \ninterdisziplin\u00e4ren Schmerzkonferenz, die die Deutsche Gesellschaft zum \nStudium des Schmerzes e. V. (DGSS) und das Schmerzforum Rhein-Main e.V. \ngemeinsam in Frankfurt veranstalteten. So lassen sich die Auswirkungen \neines Placebos gegen Schmerz &nbsp;z.B. im Endorphinsystem des Gehirns \nbeobachten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wichtig f\u00fcr die Wirkung: das Vertrauen in den Arzt und die Erwartung des Patienten<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Placeboeffekte,  die unterschiedlich stark bei jeder therapeutischen Handlung auftreten,  sind bei der Schmerzbehandlung besonders ausgepr\u00e4gt: Vertraut der  Patient dem Arzt und ist davon \u00fcberzeugt, dass ein Medikament oder eine  Spritze wirksam sein wird, k\u00f6nnen seine Schmerzen schneller und  effektiver vermindert werden. Da der Placeboeffekt jedoch im  wesentlichen durch die Erwartung entsteht, die ein Patient mit einer  \u00e4rztlichen Handlung verbindet, ist er schwer messbar und oft erst im  Nachhinein beurteilbar.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Fehlurteil: Patient ist kein Simulant<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anwendung solcher Effekte ist daher mit einer Reihe von  Fehleinsch\u00e4tzungen und Vorurteilen behaftet. \u201eEine weitgehend auf  solchen Vorurteilen beruhende Unsitte ist es, dass Placebos z.B. immer  wieder eingesetzt wurden, um eine Schmerzsymptomatik als psychisch  bedingt zu diagnostizieren: Wirkt das Placebo schmerzlindernd, wird die  Symptomatik f\u00e4lschlicherweise als zumindest wesentlich psychisch mitbedingt &#8218;entlarvt&#8216;, der Patient nicht selten sogar als Simulant  angesehen\u201c so Dr. Derra.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Unser Denken und F\u00fchlen beeinflusst die Schmerzverarbeitung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\n Hirnforschung brachte neue Erkenntnisse \u00fcber physiologische und \nbiochemische Abl\u00e4ufe und deren Zusammenhang mit Stimmungen und \nDenkmustern, sodass man nun gute Vorstellungen \u00fcber Wirkaspekte von \nPlaceboeffekten und ihre Ursachen hat.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grundvoraussetzung f\u00fcr einen Placeboeffekt ist, dass beim Patienten  bewusst die Erwartung einer Schmerzlinderung entsteht. Die weitere  zentrale Verarbeitung unseres Denkens und F\u00fchlens k\u00f6nnen die Forscher heute eindeutig bestimmten Hirnarealen zuordnen, die auch bei Stress-  und Schmerzverarbeitung eine wesentliche Rolle spielen. Hier erkl\u00e4rt  sich einerseits, warum Ablenkung, Erwartungen, Suggestion, Stressfaktoren oder Entspannung schmerzlindernd oder -verst\u00e4rkend  wirken. Andererseits finden sich in diesen Zentren unter anderem  Verbindungen zum k\u00f6rpereigenen Opiatsystem, dem Endorphinsystem:  Seelische Verarbeitung wird hier in biochemische Wirkungen umgesetzt. Da  sich die schmerzlindernde Wirkung von Placebos durch den  Opiatgegenspieler Naloxon blockieren l\u00e4sst, muss ein wesentlicher Wirkmechanismus von Placeboeffekten bei Schmerz \u00fcber das Endorphinsystem  erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Eine Tablette f\u00fcr verschiedene Symptome<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vergleichsuntersuchungen haben gezeigt, dass Placeboeffekte in  verschiedenen Situationen \u00fcber unterschiedliche Nervenzentren vermittelt  werden: In einer aktuellen Studie l\u00f6ste eine gr\u00fcne  Traubenzuckertablette mit der Bemerkung \u201edies wird ihre Schmerzen im Arm  lindern\u201c eine entsprechende Wirkung \u00fcber das Endorphinsystem im Gehirn  aus. Die gleiche Tablette bewirkte bei einem Parkinsonpatienten mit dem  Hinweis \u201edies wird die Beweglichkeit Ihres Armes verbessern\u201c eine  deutliche Besserung seiner, ganz anders gelagerten,  Parkinsonsymptomatik. Diesmal wirkte die Instruktion auf das Dopaminsystem.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gro\u00dfe Tabletten wirken besser<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das\n Ausma\u00df der Schmerzlinderung wird durch verschiedene Faktoren bestimmt: \nGr\u00f6\u00dfere Pillen wirken besser als kleinere, Kapseln besser als Tabletten,\n noch besser wiederum wirken Pflaster und Spritzen. Blaue\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4parate wirken beruhigend, gelbe stimulierend, wei\u00dfgr\u00fcne besonders  schmerzlindernd, Medikamente mit sp\u00fcrbaren Nebenwirkungen haben auch  eine h\u00f6here Wirksamkeit. Besonders starke Placeboeffekte lassen sich mit  technischen oder invasiven Ma\u00dfnahmen erzielen, wie bei der Akupunktur.  Sogar Operationen sind als Placebo sehr effektiv wie eine schwedische  Studie an mehreren tausend Bandscheibenoperierten nachwies.  Pers\u00f6nlichkeitsfaktoren des Patienten spielen zwar auch eine Rolle \u2013  z.B. sprechen \u00e4ngstliche Menschen besonders gut an. \u201eSie wurden jedoch  bisher grunds\u00e4tzlich \u00fcbersch\u00e4tzt: Es gibt keine &#8218;placeboanf\u00e4llige&#8216;  Pers\u00f6nlichkeit!\u201c, betont Dr. Derra. Wichtigster Faktor f\u00fcr die  Placebowirkung ist der Behandler: Ein empathischer, optimistischer Arzt,  der eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung herstellen kann, von  seiner Behandlungsstrategie \u00fcberzeugt ist und gute Aufkl\u00e4rung leistet,  kann nicht nur beim Patienten subjektiv, sondern auch objektivierbar  erstaunliche Effekte erziele, wie die Reduzierung des Analgetikabedarfes  oder eine Verk\u00fcrzung von Krankenhausaufenthalten. Interessanterweise  haben \u00c4rzte eine deutlich h\u00f6here Placebowirkung als das Pflegepersonal.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Placeboeffekt gezielt und unterst\u00fctzend einsetzen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die hohe Placeborate bei Schmerz von teilweise \u00fcber 50 Prozent der  Wirkung bezieht sich auf alle Schmerzursachen, vom psychogenen bis zum  Tumorschmerz. Es muss allerdings eine gewisse zentrale Verarbeitung des  Schmerzerlebens stattgefunden haben. Pl\u00f6tzliche Schmerzen wie etwa  Clusterkopfschmerz haben deutlich geringere Placeboresponse. \u201eIn  Anbetracht des heutigen Wissensstandes w\u00e4ren Schmerztherapeuten gut  beraten, Placeboeffekte intensiver und gezielter zur Behandlung  besonders bei chronischen Schmerzen zu nutzen\u201c, so Dr. Derra. Die  M\u00f6glichkeit, medizinische und psychotherapeutische Interventionen durch  unspezifische Ma\u00dfnahmen zu verst\u00e4rken, k\u00f6nne nicht nur zu h\u00f6herer  Patientenzufriedenheit f\u00fchren, sondern auch die Arzt-Patient-Beziehung  st\u00e4rken und dadurch in Chronifizierungsprozesse positiv eingreifen. \u201eDer heimliche Einsatz von Placebos anstatt einer spezifisch wirksamen  Therapie ist jedoch abzulehnen\u201c, so Dr. Derra: \u201eDie Vertrauensbasis zum  Patienten ist die wichtigste Grundlage der Therapie.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Placebo (lateinisch &#8222;ich werde gefallen&#8220;) im engeren Sinne ist eine Tablette oder ein anderes medizinisches Pr\u00e4parat, welches keinen pharmazeutischen Wirkstoff enth\u00e4lt und somit per Definition auch nicht durch einen solchen Stoff eine pharmazeutische Wirkung verursachen kann. Heilung aus dem Nichts? 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