{"id":4289,"date":"2020-02-24T13:17:57","date_gmt":"2020-02-24T12:17:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=4289"},"modified":"2020-04-03T11:37:50","modified_gmt":"2020-04-03T09:37:50","slug":"das-unterschaetzte-vitamin-d","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/aus-der-forschung\/vitamine\/das-unterschaetzte-vitamin-d\/","title":{"rendered":"Das untersch\u00e4tzte Vitamin D"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\n Zahlen klangen alarmierend: 91 Prozent der Frauen und 82 Prozent der \nM\u00e4nner in Deutschland nehmen nicht gen\u00fcgend Vitamin D zu sich. Zu diesem\n Ergebnis war vor mehr als einem Jahr die Nationale Verzehrstudie (NVS) \nII gekommen. F\u00fcr die bundesweite Erhebung, die das Max Rubner-Institut \n(MRI) in Karlsruhe im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr Ern\u00e4hrung, \nLandwirtschaft und Verbraucherschutz vorgenommen hatte, waren rund 20 \n000 Menschen zwischen 14 und 80 Jahren zu ihren Ern\u00e4hrungsgewohnheiten \nbefragt worden.\n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vitamin D kommt in Lebensmitteln fast nicht vor<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Hauptgrund f\u00fcr die eklatante Unterversorgung besteht darin, dass  Vitamin D nur in wenigen Lebensmitteln vorkommt: haupts\u00e4chlich in fettem  Fisch wie Aal, Lachs und Hering sowie in geringerer Konzentration in  Eiern und Pilzen. &#8222;\u00dcber die Nahrung ausreichend Vitamin D aufzunehmen,  ist fast unm\u00f6glich&#8220;, sagt Bernhard Watzl, der Leiter des Instituts f\u00fcr  Physiologie und Biochemie der Ern\u00e4hrung am MRI.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ern\u00e4hrung erw\u00e4gt, ihre Zufuhrempfehlung heraufzusetzen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Ern\u00e4hrung (DGE) denkt man \nsp\u00e4testens seit der Ver\u00f6ffentlichung der NVS-II-Ergebnisse dar\u00fcber nach,\n die Referenzwerte, also die empfohlene Tageszufuhr, f\u00fcr Vitamin D zu \nerh\u00f6hen. Das allerdings h\u00e4tte weit reichende Konsequenzen. Entweder \nm\u00fcssten einzelne Lebensmittel gezielt mit dem Vitamin angereichert \nwerden oder die DGE m\u00fcsste weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung die Einnahme \nvon Vitamin-D-Pr\u00e4paraten empfehlen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Eine solche Entscheidung muss wissenschaftlich extrem gut  abgesichert sein&#8220;, sagt Jakob Linseisen vom Institut f\u00fcr Epidemiologie  am Helmholtz Zentrum M\u00fcnchen. Linseisen leitet eine Arbeitsgruppe, die  sich im Auftrag der DGE damit befasst, inwieweit Vitamin D Krankheiten  vorbeugen kann und welche Blutwerte dazu n\u00f6tig sind. Im Laufe des  Fr\u00fchjahrs wird er die Ergebnisse seines Teams der DGE vorstellen &#8211; die  dann voraussichtlich bis Ende des Jahres entscheiden wird, ob sie die  Referenzwerte tats\u00e4chlich erh\u00f6ht oder ob alles so bleibt, wie es ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber die Ern\u00e4hrung kann man die Versorgung mit Vitamin D nicht absichern<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denkbar w\u00e4re das letztere Szenario aus zwei Gr\u00fcnden n\u00e4mlich auch. \n&#8222;Zum einen ist es gar nicht m\u00f6glich, allein von der Vitamin-D-Aufnahme \ndurch die Ern\u00e4hrung auf die tats\u00e4chliche Versorgung mit dem Vitamin zu \nschlie\u00dfen&#8220;, sagt der Ern\u00e4hrungsphysiologe Peter Stehle vom Institut f\u00fcr \nErn\u00e4hrungs- und Lebensmittelwissenschaften der Universit\u00e4t Bonn. Das \nliegt daran, dass der Mensch unter dem Einfluss von Sonnenlicht Vitamin D\n in seiner Haut selbst produzieren kann &#8211; vor allem in den Monaten M\u00e4rz \nbis Oktober. Wer sich in der hellen Jahreszeit zwischen 15 und 30 \nMinuten am Tag mit nackten Armen und ohne Sonnencreme im Freien aufh\u00e4lt,\n der ist in der Regel ausreichend mit dem Vitamin versorgt. Und da der \nK\u00f6rper Vitamin D speichern kann, kommen die meisten Menschen auf diese \nWeise auch gut durch den Winter.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum anderen wissen die Forscher noch immer relativ wenig dar\u00fcber,  welche zahlreichen Funktionen das Vitamin im Organismus aus\u00fcbt und  welche Konzentrationen daf\u00fcr im Blut vorhanden sein m\u00fcssen. Sicher ist  bislang nur, dass Vitamin D eine Rolle bei der Knochengesundheit spielt.  Kinder, die nicht ausreichend mit dem Vitamin versorgt sind, leiden an  Rachitis &#8211; einer Krankheit, bei der die Knochen nicht vollst\u00e4ndig  verkalken und sich somit bei Belastung verbiegen. \u00c4ltere Menschen neigen  bei einem Vitamin-D-Mangel verst\u00e4rkt zu Osteoporose, wobei die Knochen  br\u00fcchig werden. &#8222;Die derzeitigen Referenzwerte der DGE zielen allein  darauf ab, Knochenkrankheiten vorzubeugen&#8220;, erkl\u00e4rt Bernhard Watzl.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zahlreiche Rezeptoren<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr  wahrscheinlich sei allerdings, dass Vitamin D an der Pr\u00e4vention einer  ganzen Reihe von Krankheiten beteiligt sei, sagt der Vitaminforscher und  Ern\u00e4hrungswissenschaftler Armin Zittermann vom Herz- und  Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen. In fast allen  Organen des Menschen wurden inzwischen Vitamin-D-Rezeptoren nachgewiesen  &#8211; was mit gro\u00dfer Sicherheit darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass das Vitamin  dort auch eine Aufgabe erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Flut von wissenschaftlichen Studien zu Vitamin D<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem ist in den vergangenen Jahren kaum ein Monat vergangen, ohne \ndass eine neue wissenschaftliche Studie zum Thema Vitamin D erschienen \nw\u00e4re. Mit den Ergebnissen dieser Untersuchungen mehren sich die \nHinweise, dass das Vitamin nicht nur Knochenerkrankungen, sondern unter \nanderem auch Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und Darmkrebs vorbeugen \nkann. &#8222;Welche dieser Zusammenh\u00e4nge wissenschaftlich bewiesen sind, \nwelche Blutwerte zur Pr\u00e4vention erforderlich sind und wie sich diese \nWerte am ehesten erreichen lassen, hoffen wir im April oder Mai von der \nGruppe um Herrn Dr. Linseisen zu erfahren&#8220;, sagt Angela Bechthold vom \nReferat Wissenschaft der DGE.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vermutlich werden die Forscher um Linseisen &#8211; die sich momentan noch \nsehr bedeckt halten &#8211; f\u00fcr ihre Analysen auch einen Blick in die USA \ngeworfen haben. Dort hatte das unabh\u00e4ngige Institute of Medicine (IOM), \ndas der National Academy of Sciences angeh\u00f6rt, im November zwar die \nempfohlene Tagesdosis Vitamin D f\u00fcr Menschen bis zum 70. Lebensjahr von \n400 auf 600 IE (Internationale Einheiten, 1 IE = 0,025 Mikrogramm) \nerh\u00f6ht. Gleichzeitig stellte das IOM in seinem Report aber klar, dass \nder Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung entgegen verbreiteter Ansichten ausreichend\n mit dem Vitamin versorgt sei. Zum Vergleich: Die DGE empfiehlt Kindern \nund Erwachsenen bis zum 65. Lebensjahr derzeit 200 IE am Tag.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine hoch dosierte Einnahme von Vitamin D stufte das IOM im besten \nFall als unn\u00f6tig, wom\u00f6glich aber auch als gesundheitsgef\u00e4hrdend ein. \nVitamin-D-Pr\u00e4parate, die in amerikanischen Superm\u00e4rkten zum Teil in \neiner Dosierung von bis zu 5000 IE pro Tablette erh\u00e4ltlich sind, st\u00fcnden\n in Verdacht, Herz und Nieren zu sch\u00e4digen, hei\u00dft es in dem Bericht. \nEine Tagesdosis von 4000 IE solle daher nicht \u00fcberschritten werden.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr eine Entscheidung in Deutschland kann der Blick in die USA  allerdings allenfalls einen Anhaltspunkt darstellen. &#8222;Die Situation dort  ist mit der hiesigen nicht wirklich vergleichbar&#8220;, sagt Watzl. Zum  einen liege eine gro\u00dfe Fl\u00e4che der Vereinigten Staaten weiter s\u00fcdlich als  Deutschland, wodurch die Menschen dort mehr Sonne abbek\u00e4men. Zum andern  sei in den USA die im Supermarkt erh\u00e4ltliche Milch in der Regel mit  Vitamin D angereichert. Folglich haben die meisten US-Amerikaner dem IOM  zufolge Blutwerte von mindestens 50 Nanomol pro Liter, die das Institut  als ausreichend einstuft. Der Wert bezieht sich auf die Konzentration  von 25-Hydroxy-Vitamin D, ein Stoffwechselprodukt, mit dem sich die  tats\u00e4chliche Versorgung mit Vitamin D besser einsch\u00e4tzen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">In Deutschland unterschreiten viele Menschen diesen Grenzwert<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine im Jahr 2008 ver\u00f6ffentlichte Studie, die ein Team um Birte \nHintzpeter vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin vorgenommen hat, \nzeigt beispielsweise, dass 57 Prozent der M\u00e4nner und 58 Prozent der \nFrauen in Deutschland Werte unter 50 Nanomol pro Liter Blut aufweisen. \nAls besonders gravierend erwies sich in der Untersuchung, f\u00fcr die 4030 \nProbanden im Alter von 18 bis 79 Jahren rekrutiert worden waren, der \nMangel bei Frauen \u00fcber 65: Von ihnen verfehlten 75 Prozent den \nangestrebten Zielwert &#8211; und zwar sogar in den Sommermonaten, wenn der \nK\u00f6rper Vitamin D eigentlich selbst herstellen kann.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den Kindern sieht die Lage nicht besser aus. Die zwischen 2003  und 2006 vorgenommene RKI-Studie zur Gesundheit von Kindern und  Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) ergab, dass 62 Prozent der Jungen  und 64 Prozent der M\u00e4dchen den Grenzwert von 50 Nanomol pro Liter Blut  unterschreiten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Streit um die richtige Dosis<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ob dieser Wert \u00fcberhaupt ausreicht, damit das Vitamin D seine \nsch\u00fctzenden Funktionen im K\u00f6rper aus\u00fcben kann, ist ohnehin noch \numstritten. Heike Bischoff-Ferrari vom Zentrum Alter und Mobilit\u00e4t der \nUniversit\u00e4t Z\u00fcrich ist \u00fcberzeugt, dass 50 Nanomol zu wenig sind: &#8222;Dieser\n Zielwert ist nicht mit den neuesten Daten f\u00fcr eine optimale \nKnochengesundheit bei Erwachsenen vereinbar&#8220;, sagt sie. Um \nKnochenbr\u00fcchen im Alter vorzubeugen, sei ein Wert von mindestens 75 \nNanomol anzustreben. Und um den Wert bei mindestens der H\u00e4lfte der \nBev\u00f6lkerung zu erreichen, seien zwischen 700 und 1000 IE am Tag \nnotwendig. Solche Mengen an Vitamin D lassen sich aber allein mit der \nNahrung nicht aufnehmen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Ern\u00e4hrungswissenschaftler Armin Zittermann ist der Ansicht, \ndass die Einnahme eines Vitamin-D-Pr\u00e4parats zumindest w\u00e4hrend der \nWintermonate f\u00fcr die meisten Menschen sinnvoll w\u00e4re. &#8222;Mehrere Studien \nhaben inzwischen gezeigt, dass sich mit einem Blutwert zwischen 75 und \n120 Nanomol das Risiko f\u00fcr Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes \nsenken l\u00e4sst&#8220;, sagt er.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar mag Zittermann derzeit noch nicht konkret beziffern, welche  Mengen Vitamin D ein Erwachsener am Tag zu sich nehmen sollte. Eines  h\u00e4lt er aber -ebenso wie Bernhard Watzl vom MRI &#8211; f\u00fcr sicher: &#8222;Die  derzeitigen Referenzwerte der DGE sind zu niedrig.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Aktuelle Empfehlungen der DGE<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ern\u00e4hrung (DGE) r\u00e4t Kindern und \nErwachsenen zurzeit, t\u00e4glich f\u00fcnf Mikrogramm (200 IE) Vitamin D mit der \nNahrung zu sich zu nehmen. S\u00e4uglinge und Senioren \u00fcber 65 Jahren \nben\u00f6tigen zehn Mikrogramm (400 IE) am Tag.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Erg\u00e4nzung: Seit 2012 gibt die DGE als neuen Referenzwert f\u00fcr die \nVitamin&nbsp;D-Zufuhr unter der Annahme einer fehlenden k\u00f6rpereigenen Bildung\n 20&nbsp;\u00b5g Vitamin&nbsp;D pro Tag an).\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr \u00e4ltere Menschen k\u00f6nne es zur Erf\u00fcllung des Referenzwertes \nsinnvoll sein, Vitamin D zus\u00e4tzlich \u00fcber ein Nahrungserg\u00e4nzungsmittel \naufzunehmen, hei\u00dft es in einer aktuellen DGE-Stellungnahme.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">S\u00e4uglinge sollen gem\u00e4\u00df einer Empfehlung der Deutschen Gesellschaft \nf\u00fcr Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) von der ersten Lebenswoche an \nt\u00e4glich ein Vitamin-D-Pr\u00e4parat mit 400 bis 500 IE erhalten, um einer \nRachitis vorzubeugen. Im zweiten Lebensjahr k\u00f6nne die Prophylaxe w\u00e4hrend\n der Wintermonate fortgef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zahlen klangen alarmierend: 91 Prozent der Frauen und 82 Prozent der M\u00e4nner in Deutschland nehmen nicht gen\u00fcgend Vitamin D zu sich. Zu diesem Ergebnis war vor mehr als einem Jahr die Nationale Verzehrstudie (NVS) II gekommen. 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