{"id":4236,"date":"2020-02-21T14:45:34","date_gmt":"2020-02-21T13:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=4236"},"modified":"2020-04-03T12:09:25","modified_gmt":"2020-04-03T10:09:25","slug":"alzheimer-wenn-das-ich-sich-aufloest","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/fakten-widerreden\/krankheiten\/alzheimer-wenn-das-ich-sich-aufloest\/","title":{"rendered":"Alzheimer: Wenn das Ich sich aufl\u00f6st"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Morbus Alzheimer &#8211; diese Diagnose\n stellt Patienten und ihre Angeh\u00f6rigen vor die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung \nihres Lebens. So auch Heiner Bartel und seine Frau.\n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stationen eines Weges in die Dunkelheit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heiner Bartel geht die Stra\u00dfe entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt\n und jeden Meter kennt, und auf einmal bleibt er stehen. In der Hand \nh\u00e4lt er einen Briefumschlag. Er schaut die Stra\u00dfe hinauf und hinunter, \ner sieht die Drogerie, den Elektroladen, das Blumengesch\u00e4ft. Autos \nfahren an ihm vorbei. Er geht ein paar Schritte, schaut auf die andere \nStra\u00dfenseite, bleibt wieder stehen. Er dreht sich um und geht langsam \nzur\u00fcck. Als er die Wohnungst\u00fcr hinter sich ins Schloss zieht, wirft er \nden Brief auf den Boden und f\u00e4ngt an zu weinen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas ist mit dir?\u201c, fragt seine Frau.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch finde den Briefkasten nicht mehr.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann, der das sagt, ist 63 Jahre alt, mittelgro\u00df, tr\u00e4gt einen \nkurzen, grau melierten Bart und eine elegante Brille. Sein Gesicht und \nseine Arme sind braun gebrannt wie nach einem Urlaub. Heiner Bartel hat \nviel Zeit, in der Sonne zu sitzen, seit er wei\u00df, dass sich sein Gehirn \nlangsam aufl\u00f6st.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Frau kommt aus der K\u00fcche. Gerdi Bartel, 65 Jahre alt, ehemalige\n Krankenschwester und Pflegedienstleiterin, sieht den Mann, mit dem sie \nseit 34 Jahren verheiratet ist, schluchzend im Hausflur stehen, den \nBriefumschlag zu seinen F\u00fc\u00dfen. Sie denkt, oh Gott, der Briefkasten, \nletzte Woche hat er ihn noch gefunden. Sie denkt, wie wird das \nweitergehen, wann kommt der Tag, an dem er mein Gesicht nicht mehr \nkennt? Sie spricht das nicht aus. \u201eDas w\u00fcrde alles nur schlimmer \nmachen\u201c, sagt sie. Stattdessen nimmt sie ihren Mann in den Arm. Sie \nsagt: \u201eWir sprechen die Strecke noch mal durch, das wird helfen, du \nwirst sehen.\u201c Sie versucht, Hoffnung in ihre Stimme zu legen. Als ob \nHeiner Bartel vielleicht doch ein paar Meter zur\u00fcckgehen k\u00f6nnte auf dem \nWeg, den sein Leben vor vier Jahren einschlug.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 25. Mai 2004 sitzt Heiner Bartel, damals Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines  deutsch-polnischen Logistikunternehmens in Stettin, in der Abteilung f\u00fcr  Gerontopsychiatrie des Krankenhauses in Hamburg-Ochsenzoll, und vor ihm  liegt ein Wort: Auto. Es steht auf einem Blatt Papier, das eine  Psychologin ihm zeigt, ein paar Sekunden lang, dann kommt das n\u00e4chste  Blatt, der n\u00e4chste Allerweltsbegriff. So geht das zehnmal, dann soll  Bartel die Begriffe wiederholen. Ein paar fallen ihm ein, dann bleibt er  h\u00e4ngen. Er soll eine Minute lang W\u00f6rter aufz\u00e4hlen, die mit \u201eB\u201c  beginnen. Er ger\u00e4t ins Stocken. Er soll mit Hilfe kleiner Baukl\u00f6tze  geometrische Figuren nachlegen, Dreiecke, Rechtecke, Quadrate. Es  gelingt ihm nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Er hat das komische Gef\u00fchl, mit seinem Kopf stimme etwas nicht<\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"606\" src=\"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_plaques_02_231ae4b16e.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4237\" srcset=\"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_plaques_02_231ae4b16e.jpg 300w, https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_plaques_02_231ae4b16e-74x150.jpg 74w, https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_plaques_02_231ae4b16e-149x300.jpg 149w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption> Beta-Amyloid-Plaques entstehen, wenn das Amyloid-Vorg\u00e4nger-Protein durch  bestimmte Enzyme zerschnitten wird. Die Bruchst\u00fccke lagern sich dann zu  Proteinkomplexen zusammen, die letzlich am Tod von Gehirnzellen  beteiligt sind. <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er\n wei\u00df, dass dies leichte Aufgaben sind. Aber er wei\u00df nicht, weshalb er \nsie nicht l\u00f6sen kann. Genau so wenig, wie er diese seltsamen Sachen \nbegreift, die ihm in den vorangegangenen Monaten passiert sind. Als ihm \nbeim Schreiben von Gesch\u00e4ftsbriefen pl\u00f6tzlich die Formulierungen \nentfielen, dachte er noch, er sei ersch\u00f6pft, \u00fcberarbeitet. Aber dann \nwollte er im Restaurant auf einmal die Rechnung zweimal bezahlen. Nach \neinem Gespr\u00e4ch mit Freunden konnte er sich an kein Wort erinnern. An \nWeihnachten lie\u00df er eine T\u00fcte mit Geschenken im Auto liegen, ohne sie \nhinterher zu vermissen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ged\u00e4chtnissprechstunde<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wegen\n solcher Aussetzer ist er in die Klinik gekommen, in die \n\u201eGed\u00e4chtnissprechstunde\u201c, wie die \u00c4rzte das hier nennen. Weil er schon \ndas komische Gef\u00fchl hatte, mit seinem Kopf stimme etwas nicht. Aber das \nkann doch nicht sein, oder?\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Stunde dauert der Test. Hinterher schreibt die Psychologin einen\n Bericht, zwei Seiten lang, ihr Urteil setzt sie ans Ende: \u201eVerdacht auf\n Demenz vom Alzheimer-Typ\u201c. Eine R\u00fcckenmarkspunktion bringt Gewissheit. \nDie \u00c4rzte finden in Heiner Bartels Nervenwasser zahlreiche \nEiwei\u00dfmolek\u00fcle, die typisch sind f\u00fcr jene Krankheit, die der deutsche \nPsychiater Alois Alzheimer vor hundert Jahren entdeckte, ohne damals \nsonderliches Aufsehen zu erregen. Anfang des 20. Jahrhunderts litten die\n Menschen an Tuberkulose oder Pocken, an Syphilis oder Keuchhusten, oft \nstarben sie lange vor ihrem 50. Geburtstag, zu fr\u00fch, um die \nAlzheimerkrankheit zu entwickeln, die junge Menschen nur in \nAusnahmef\u00e4llen trifft.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute sind Pocken und Syphilis besiegt, die durchschnittliche \nLebenserwartung in Deutschland liegt bei rund 80 Jahren, und Morbus \nAlzheimer entwickelt sich zur neuen Volkskrankheit. Der \nFu\u00dfballbundestrainer Helmut Sch\u00f6n, der Geiger Helmut Zacharias, der \nBoxer Bubi Scholz, der SPD-Politiker Herbert Wehner, sie alle litten an \nAlzheimer. Der Philologe und Publizist Walter Jens hat keine Ahnung mehr\n davon, dass er einmal als einer der bedeutendsten deutschen \nIntellektuellen galt. Inzwischen leiden sch\u00e4tzungsweise 1,2 Millionen \nBundesb\u00fcrger an Alzheimer oder einer \u00e4hnlichen Form der Demenz. In \nzwanzig Jahren werden es wohl doppelt so viele sein. Denn die \nLebenserwartung steigt weiter, und die Alzheimerkrankheit unterscheidet \nsich von anderen Krankheiten dadurch, dass praktisch jeder sie \nirgendwann bekommt. Man muss nur alt genug werden. Heiner Bartel hatte \ndas Pech, dass es ihn fr\u00fcher erwischt hat als die meisten anderen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sitzt auf der Terrasse, seine Frau hat Erdbeeren und Quark auf den  Tisch gestellt. Er hat ein gro\u00dfes Fotoalbum vor sich hingelegt, eine  Chronik seines beruflichen Lebens, er schaut es oft an, er zeigt es  gerne her. Es verbindet ihn mit der Zeit, in dem sein Gehirn noch gesund  war.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Giftige Eiwei\u00dfmolek\u00fcle t\u00f6ten Nervenzelle um Nervenzelle<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotos von Stehempf\u00e4ngen sind da zu sehen, von Messen, von \nDienstreisen nach Shanghai, nach Prag, nach Chicago. Fast immer steht \nein mittelgro\u00dfer Mann mit Brille und kurzem dunklen Bart in der Mitte \ndes Bildes, fast immer in Anzug und Krawatte, mal sch\u00fcttelt er dem \nVorstandschef die Hand, mal st\u00f6\u00dft er mit Gesch\u00e4ftspartnern auf einen \nVertragsabschluss an, sich offensichtlich wohlf\u00fchlend inmitten der \nKunden und Kollegen. Bartel zeigt auf eines der Bilder, er zeigt auf den\n b\u00e4rtigen Mann, wie er lachend in die Kamera prostet. \u201eDiese Person bin \nich, wie unschwer zu erkennen ist.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;Es stimmt, nat\u00fcrlich, man erkennt ihn sofort. Das \u00dcberraschende ist,  wie sehr Bartel sich trotzdem ver\u00e4ndert hat, das Foto ist ja nur ein  paar Jahre alt. Der Mann auf dem Bild hat einen furchtlosen,  selbstsicheren Blick, ein Mann, von dem seine Frau erz\u00e4hlt, dass er \u201eso  gerne unter Menschen war\u201c, dass er \u201evon jedem Empfang, von jeder  Konferenz zufrieden mit einem Stapel Visitenkarten wiederkam\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Unterschied zwischen Heute und Gestern<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann auf der Terrasse sieht aus, als ob er Angst habe. Immer ist \neine Unsicherheit in seinen Augen, die einen Menschen wohl befallen \nmuss, wenn er sich nicht mehr zurechtfindet in der Welt, in der er sich \njahrzehntelang auskannte. Wenn er sich auf sich selbst nicht mehr \nverlassen kann. Oft, wenn Bartel einen Satz beendet hat, fragt er: \u201eHabe\n ich das schon mal erz\u00e4hlt?\u201c Er bl\u00e4ttert durch das Album, manchmal \nbeginnt er eine Erkl\u00e4rung, stockt, rettet sich dann in kurze S\u00e4tze, bei \ndenen wenig schiefgehen kann, sagt, \u201eDas war der japanische Konsul\u201c \noder: \u201eBesuch aus S\u00fcdamerika\u201c, und findet beim n\u00e4chsten Bild dann \npl\u00f6tzlich eine Erinnerung wieder, die ihn von Schiffscontainern, H\u00e4fen \nund Reedereien erz\u00e4hlen l\u00e4sst.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er zeigt einen Zeitungsausschnitt. Die <em>L\u00fcbecker Nachrichten.<\/em> \u00dcberschrift: <em>Hamburger Containerexperte wurde Vertriebschef der LHG,<\/em>\n der Betreiberfirma des L\u00fcbecker Hafens. Von Heiner Bartel, dem \n\u201egelernten Schiffsmakler und Reedereikaufmann\u201c, ist da die Rede, f\u00fcr den\n bei der LHG eigens ein neuer Bereich geschaffen wurde. Ein paar Seiten \nweiter ein Artikel aus dem Februar 2000, in dem steht, Bartel werde \nGesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Cross Baltic Terminal Operators, einer im polnischen\n Stettin ans\u00e4ssigen Tochterfirma des L\u00fcbecker und des Stettiner \nHafenbetreibers.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEinen Moment, bitte.\u201c Bartel steht auf, er geht ins Haus. Als er \nzur\u00fcckkommt, h\u00e4lt er etwas in der Hand, etwas Kleines. \u201eIch m\u00f6chte Ihnen\n etwas zeigen.\u201c Er legt ein Streichholzbriefchen auf den Tisch, bedruckt\n mit dem rot-blau-wei\u00dfen Logo der Hamburger Lager- und \nSpeditionsgesellschaft, Bartels erstem Arbeitgeber. Er klappt das \nBriefchen auf. Innen stehen die Adresse und Telefonnummer der Firma. \n\u201eUnd was steht darunter?\u201c, fragt er.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fernkopierer: 74041600\/601. \u201eGenau. Fernkopierer. So hat man in \nDeutschland in den siebziger Jahren die Faxger\u00e4te genannt, daran sehen \nSie, wie alt das ist, das hebe ich mir auf, das hat sozusagen \nhistorischen Wert.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er bringt das Briefchen zur\u00fcck, bl\u00e4ttert wieder durch das Album,  bleibt an einer alten Aufnahme des Hamburger Hafens h\u00e4ngen, sagt, dass  die beiden Kr\u00e4ne auf dem Bild noch immer da st\u00fcnden, und unterbricht  sich dann selbst. \u201eEinen Moment, bitte.\u201c Wieder geht er ins Haus, kommt  gleich darauf zur\u00fcck. Wieder h\u00e4lt er etwas in der Hand. Die Farben Rot  und Blau sind zu erkennen. Es ist das Streichholzbriefchen. \u201eIch m\u00f6chte  Ihnen etwas zeigen\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Ursachen: Fr\u00fcher ein R\u00e4tsel, heute gekl\u00e4rt<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrzehntelang\n war Morbus Alzheimer den Medizinern ein gro\u00dfes R\u00e4tsel. Heute wei\u00df man: \nDie Ursache daf\u00fcr, dass Heiner Bartel sich oft nicht mehr an das \nerinnert, was er vor f\u00fcnf Minuten sagte, sind winzige, giftige \nEiwei\u00dfpartikel. Zu Abertausenden haben sie sich tief im Inneren seines \nKopfes angesammelt. Dort, etwa auf H\u00f6he der Ohren, liegt ein nur wenige \nZentimeter gro\u00dfes, leicht gebogenes St\u00fcck Hirngewebe, der sogenannte \nHippocampus. Er ist f\u00fcr die Ausbildung des menschlichen \nOrtsged\u00e4chtnisses zust\u00e4ndig und ist gleichzeitig so etwas wie der \nKurzzeitspeicher des Gehirns. Alles, was ein Mensch sagt, sieht, h\u00f6rt, \nliest, wird im Hippocampus gespeichert und von dort in andere Teile des \nGehirns weitergeleitet, wo es als Erinnerung abgelegt wird.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So war das auch bei Heiner Bartel, als er noch der selbstbewusst \nlachende Mann auf den Fotos war. Bevor sich die giftigen Eiwei\u00dfmolek\u00fcle \nin seinem Kopf ansammelten. Sie durchdringen den Hippocampus, manche \nkleben zu kleinen Klumpen zusammen, kaum dicker als ein menschliches \nHaar, andere verdrehen sich zu zerst\u00f6rerischen F\u00e4den und t\u00f6ten \nNervenzelle um Nervenzelle. Noch immer kann Heiner Bartel sehen, h\u00f6ren, \nlesen, sprechen. Sich aber hinterher noch daran zu erinnern, das f\u00e4llt \nihm zunehmend schwerer. Noch immer kann er gehen, laufen, Fahrrad \nfahren. Aber zu begreifen, wo er sich befindet, wo er die Richtung \nwechseln, den Weg verlassen muss, das ist ihm fast unm\u00f6glich.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sonne sticht durch die B\u00e4ume, das Wasser glitzert, auf der gro\u00dfen  Wiese stemmt sich ein junger Mann langsam in den Liegest\u00fctz. Bartel hat  sich eine Baseballm\u00fctze \u00fcber den Kopf gezogen, seine Frau hat ihn daran  erinnert, sich die Schn\u00fcrsenkel zu binden, jetzt gehen sie mit  schnellen Schritten durch das Sommerlicht. Es ist Donnerstag, und  donnerstags treffen sich die Bartels immer mit ein paar Bekannten im  Hamburger Stadtpark, um sich ein wenig zu bewegen. F\u00fcnf Rentner in  beigen Jacken, beigen Hosen, braunen Halbschuhen, mit Walkingst\u00f6cken in  den H\u00e4nden. Heiner Bartel f\u00e4llt nicht auf unter ihnen, er sieht ja nicht  krank aus, und das Tempo kann er locker halten, k\u00f6rperlich geht es ihm  gut.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Pl\u00f6tzlich wusste Heiner Bartel den Weg nach Hause nicht mehr<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Caf\u00e9 machen sie Pause. Sie setzen sich auf die Terrasse, \nbestellen Bionade und Apfelschorle, reden \u00fcber Kreuzfahrten, die \nWirtschaftskrise und Urlaub an der Nordsee. Bartel schweigt meist, hin \nund wieder wirft er einen Satz ein. Einmal erz\u00e4hlt er von seinem \nZivildienst auf Sylt, kommt ins Stocken, macht eine Pause, denkt nach, \nund dann f\u00e4ngt ein anderer zu reden an, weil er glaubt, Bartel sei schon\n fertig.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMoment\u201c, unterbricht seine Frau und legt die Hand auf seinen R\u00fccken,\n als wolle sie ihn st\u00fctzen, \u201eich glaube, Heiner war noch nicht zu Ende.\u201c\n Der andere entschuldigt sich, Bartel f\u00fcgt noch ein paar W\u00f6rter an, dann\n bewegt sich das Gespr\u00e4ch in eine andere Richtung.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht ans Zahlen. Mit M\u00fcnzen und Scheinen kommt Bartel seit \nL\u00e4ngerem nicht mehr zurecht, das Portemonnaie will er trotzdem noch \neinstecken, daran h\u00e4lt er fest. Also sagt seine Frau: \u201eDarf ich mal den \nGeldbeutel haben, Schatz?\u201c Er holt ihn aus der Jackentasche, \u00f6ffnet ihn,\n er sieht die kleine Karte aus blauem Tonpapier mit seinem Namen und \nseiner Adresse darauf. Er zieht sie heraus und l\u00e4chelt: \u201eDie hat Gerdi \ngemacht, wenn ich mal wieder verloren gehe.\u201c Im Notfall kann er die \nKarte anderen Leuten zeigen oder einem Taxifahrer, damit der ihn nach \nHause bringt. Das war damals ihre Antwort auf jenen Tag, als er mit dem \nFahrrad durch Hamburg fuhr und den Weg nach Hause nicht mehr wusste. Er \nrief seine Frau an, konnte ihr aber nicht erkl\u00e4ren, wo er sich befand. \nSeitdem lebt er in einer ihm fremden Stadt. Alleine geht er nur noch zu \nFu\u00df aus dem Haus, seine Wege werden immer k\u00fcrzer, die Strecke zum \nBriefkasten, 150 Meter lang, ist die gr\u00f6\u00dfte Entfernung, die er noch \nsicher bew\u00e4ltigt. Jedenfalls war das bis vor Kurzem so.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er schlie\u00dft den Geldbeutel und gibt ihn seiner Frau. Sie bezahlt die \nGetr\u00e4nke. Er steht auf. Jede Woche gehen sie in dieses Caf\u00e9. Dutzende \nMale waren sie schon hier. Er fragt: \u201eWo ist denn hier die Toilette?\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGeradeaus und dann links.\u201c Er geht \u00fcber die Terrasse auf die  Eingangst\u00fcr zu, bleibt stehen, z\u00f6gert, wendet sich um. \u201eMuss ich jetzt  um das Geb\u00e4ude herum?\u201c Ein Mann aus der kleinen Gruppe steht auf und  geht zu ihm. Er legt Bartel den Arm um die Schultern und zeigt ihm den  Weg.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Einige Forscher sagen, Alzheimer sei Teil des nat\u00fcrlichen Alterns<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist kein Virus, kein Bakterium, das die Alzheimerkrankheit \nausl\u00f6st. Der Mensch selbst erzeugt die toxischen Eiwei\u00dfpartikel, jeder \nMensch. Jahrelang sammeln sie sich im Organismus an, ohne dass sich dies\n im Kopf bemerkbar machte. Bis irgendwann eine kritische Menge erreicht \nist und das Gehirn anf\u00e4ngt, sich aufzul\u00f6sen, als sei es der jahrelangen \nArbeit m\u00fcde.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Wissenschaftler sagen, Alzheimer sei wom\u00f6glich Teil des  nat\u00fcrlichen Alterns, keine Krankheit im eigentlichen Sinn. Unklar aber  ist, weshalb die Selbstzerst\u00f6rung des Gehirns bei manchen Menschen mit  60 beginnt, wie bei Heiner Bartel, und bei anderen mit 90 noch nicht  eingesetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Hippocampus schrumpft als Erstes<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer\n sind es seltsame Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, mit denen alles beginnt, denn immer \nist es der Hippocampus, der Kurzzeitspeicher, der als Erstes schrumpft. \nVon dort aus breiten sich die Eiwei\u00dfteilchen in andere Hirnregionen aus,\n auch in solche, in denen Gef\u00fchle verarbeitet werden, Angst, Wut, \nMitgef\u00fchl, Bereiche des Gehirns, die die Pers\u00f6nlichkeit des Menschen \nsteuern. Auch dort sterben die Nervenzellen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist noch nicht lange her, die Bartels standen im Garten, sie \nschnitt Blumen, er stand daneben, da trat eine Nachbarin an den Zaun. \nWie es denn dem Herrn Berger gehe, einem guten Freund von Heiner Bartel,\n von dessen schwerer Krankheit sie geh\u00f6rt hatte. Sie wusste nicht, dass \nBerger wenige Tage zuvor verstorben war. Heiner Bartel aber wandte sich \nihr zu und sagte mit lockerer, fast frohgemuter Stimme: \u201eDer ist l\u00e4ngst \n\u00fcber den Jordan.\u201c In diesem Moment, erz\u00e4hlt Gerdi Bartel, habe sie ihren\n Mann nicht wiedererkannt, so unger\u00fchrt, so gef\u00fchllos. Es war ihr dann \nwieder nach B\u00fcgeln zumute.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sagt das, wenn sie es nicht mehr aush\u00e4lt: dass sie im Keller noch\n was zu b\u00fcgeln habe. Und dann geht sie hinunter und weint, damit er ihre\n Verzweiflung nicht sieht.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie seien sich immer sehr nahe gewesen, sagt Gerdi Bartel. Vielleicht\n auch, weil sie keine Kinder haben, mit denen sie ihre Aufmerksamkeit \nh\u00e4tten teilen m\u00fcssen. Fast jeden Tag, sagt sie, habe er ihr Blumen \ngeschenkt. Fast jeden Tag h\u00e4tten sie einander abends im Bett vor dem \nEinschlafen ihre Gedanken erz\u00e4hlt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal, an Weihnachten, standen sie vor dem Baum und \u00f6ffneten die  Geschenke, die sie sich \u00fcberreicht hatten. Sie hatten sich sch\u00f6n  gemacht, nur f\u00fcreinander, er trug einen Anzug, sie ein langes Kleid. Er  riss das Papier auf, sie riss das Papier auf, er fand ein Buch, <em>Das verborgene Wort<\/em> von Ulla Hahn, sie fand ein Buch, <em>Das verborgene Wort<\/em>  von Ulla Hahn. Beide mussten sie lachen, und beide haben sie sich  gefreut. \u201eJeder hatte gedacht, genau das k\u00f6nnte dem anderen gefallen\u201c,  sagt Gerdi Bartel, \u201eund beide hatten wir recht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das schleichende Ver\u00e4ndern der Pers\u00f6nlichkeit<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerdi Bartel kann sehr liebevoll und sehr lange davon erz\u00e4hlen, wie \nfeinf\u00fchlig ihr Mann fr\u00fcher gewesen sei. Genau gesagt, kann sie zwei \nStunden lang davon erz\u00e4hlen. So lange ist er auf einem Spaziergang \ndrau\u00dfen mit einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Hamburger Alzheimer \nGesellschaft, die jeden Montag vorbeikommt, damit Frau Bartel ein wenig \nZeit f\u00fcr sich hat, Zeit zum offenen Gespr\u00e4ch zum Beispiel. Sie will \nihren Mann nicht verletzten dadurch, dass sie in seiner Anwesenheit \ndavon spricht, wie fremd er ihr manchmal ist. Er versteht das ja alles.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das verletzt sie am meisten, wenn Bekannte anrufen und Sachen sagen \nwie: Sei froh, dass er dich noch versteht. Sei froh, dass er dich noch \nerkennt. Als ob seine Liebe nur darin bestanden habe, sich ihr Gesicht \nzu merken.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatten viele enge Freunde, fr\u00fcher. Eine richtige Clique waren \nsie, f\u00fcnf Paare, die jedes Jahr zu Pfingsten auf Fahrradtour gingen und \nsich im \u00dcbrigen Jahr gegenseitig zum Essen einluden. Heiner Bartel war \ndabei nie der Stille, der am Rande stand, eher der Redner in der Mitte. \nEr liebte es zu kochen. Dabei summte er vor sich hin, und hinterher am \nTisch unterhielt er die Runde mit Scherzen oder breitete seine Meinung \nzum Weltgeschehen aus und brachte so eine Diskussion in Gang.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So jedenfalls beschreiben es zwei, die damals immer dabei waren,  Klaus und Anke Andresen, ein \u00e4lteres Ehepaar, gut \u00fcber 60, wie die  Bartels, das in seinem Wohnzimmer in einer Kleinstadt s\u00fcdwestlich von  Hamburg sitzt, durch die gro\u00dfe Fensterscheibe hinaus in den romantisch  verwilderten Garten schaut und dar\u00fcber nachdenkt, warum die Freundschaft  zu den Bartels, die sie fr\u00fcher mindestens einmal im Monat getroffen  haben, in den vergangenen Jahren fl\u00fcchtiger wurde. Warum sie sich so  hilflos f\u00fchlten im Umgang mit einem Mann, der nicht einen Arm oder ein  Bein verloren hat, sondern sich selbst. Frau Andresen hat den  glucksenden Enkelsohn auf dem Scho\u00df, die Milchflasche in der Hand, sie  erz\u00e4hlt davon, wie es mit den Bartels fr\u00fcher war, und dann sagt Klaus  Andresen: \u201eIch kann den Heiner doch nicht auf einmal wie ein Kind  behandeln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Aus Freunden werden Fremde<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfangs, sagt Klaus Andresen, sei er noch gut mit der Krankheit des \nFreundes zurechtgekommen. Er war in Rente, Bartel war in Rente, \ngemeinsam schrieben sie sich an der Universit\u00e4t Hamburg ein, \nSeniorenstudium, deutsche und russische Geschichte von 1850 bis zum \nErsten Weltkrieg. Hoch interessant sei das gewesen, spannende Gespr\u00e4che \nh\u00e4tten sie gef\u00fchrt dar\u00fcber, wie sich das sp\u00e4tere Schicksal beider L\u00e4nder\n damals schon andeutete, dann habe sich die Krankheit \ndazwischengeschoben.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Vorlesungen konnte Bartel noch folgen, aber die vielen Menschen \num ihn herum, das Stimmengewirr, das war zu viel f\u00fcr ihn. In der \nCafeteria wusste er nicht mehr, wie man bezahlt, in der Mensa verlor er \ndie Orientierung. Und Andresen? Der wusste nicht, wie er sich verhalten \nsollte. Einfach weitermachen wie bisher, das ging nicht. Er musste \nBartel ja helfen, einerseits. Aber ihn an die Hand nehmen und mit \neinfachen S\u00e4tzen beruhigen wie einen Vierj\u00e4hrigen, wenn er im \nDurcheinander der Uni in Panik geriet? Der Heiner sei doch ein Freund, \nsagt Andresen, der sei doch ein erwachsener Mann und kein kleiner Junge.\n So haben sie sich ein wenig aus den Augen verloren, die alten Freunde. \nErst in den vergangenen Monaten ist der Kontakt wieder enger geworden. \nDie Andresens wollen k\u00fcnftig bei den Bartels h\u00e4ufiger vorbeikommen, mit \nHeiner Bartel etwas unternehmen, einen Ausflug vielleicht, einen \nSpaziergang zumindest. \u201eEs geht ja auch darum, Gerdi ein wenig zu \nentlasten\u201c, sagt Anke Andresen. Und darum, Heiner Bartel zu treffen, so \nlange er dies noch bewusst erlebt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ein wuchernder Pilz verbreiten sich die giftigen Proteine im  Gehirn eines Alzheimerkranken, und \u00fcberall zerst\u00f6ren sie Nervenzellen:  im Schl\u00e4fenlappen, wo sich eines der Sprachzentren befindet, im  Scheitellappen, der f\u00fcr das mathematische Denken zust\u00e4ndig ist, im  Stirnlappen, in dem Verhaltenskontrolle und Urteilsf\u00e4higkeit ihren  Ursprung haben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ich kann mich noch daran erinnern, wie es war, mich erinnern zu k\u00f6nnen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heiner Bartel sagt: \u201eDas Schlimmste ist, dass ich noch lange nicht \nalles vergessen habe.\u201c Er sagt es langsam und bed\u00e4chtig: \u201eDass ich mich \nnoch daran erinnern kann, wie es war, mich erinnern zu k\u00f6nnen.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Tage, da sitzen die Bartels in der K\u00fcche und reden, und dann  steht er pl\u00f6tzlich auf und geht ins Wohnzimmer und bleibt dort, eine  Viertelstunde, eine halbe Stunde. Und wenn seine Frau zu ihm geht, um zu  schauen, ob er vielleicht fernsieht oder Radio h\u00f6rt oder in einem  Bildband bl\u00e4ttert, dann sitzt er oft einfach nur da. Reglos,  ausdruckslos.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Bei Alzheimer gibt es keine Wunder<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie komme in diesen Momenten nicht mehr an ihn heran, sagt Gerdi \nBartel. \u201eEr ist dann gefangen in seiner Traurigkeit.\u201c Darin gleicht \nHeiner Bartel dem Gro\u00dfteil der Alzheimerpatienten im Fr\u00fchstadium. Die \nmeisten werden depressiv. Sie k\u00f6nnen sich an vieles nicht mehr erinnern,\n aber den Verlust betrauern, das k\u00f6nnen sie noch. Und sich \u00e4ngstigen vor\n dem, was vor ihnen liegt, das k\u00f6nnen sie auch. Nur von Rettung tr\u00e4umen,\n das k\u00f6nnen sie nicht mehr. Dem Krebspatienten bleibt wenigstens die \nHoffnung. Bei Alzheimer gibt es keine Wunder. Und kein Medikament. \nTabletten k\u00f6nnen das Fortschreiten der Demenz verlangsamen, die \nKommunikation zwischen den Nervenzellen verbessern, ein paar \nErinnerungen bewahren. Die Zerst\u00f6rung des Gehirns aber geht weiter.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Tisch liegen gro\u00dfe und kleine Malbl\u00f6cke, Pinsel verschiedener\n L\u00e4nge und Dicke, Wasserfarben, Buntstifte, Aquarellkreiden. Die \nKunsttherapeutin fragt: \u201eNa, wonach steht Ihnen der Sinn?\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind zu sechst. Drei Frauen, drei M\u00e4nner von Ende 50 bis Anfang \n80. Fr\u00fcher waren sie einmal Blumenverk\u00e4ufer, Lehrer, Techniker oder \nAnwalt. Jetzt haben sie eines gemeinsam: Alzheimer im Fr\u00fchstadium. \nZweimal im Monat treffen sie sich im f\u00fcnften Stock eines B\u00fcrogeb\u00e4udes im\n Hamburger Stadtteil Wandsbek, in den R\u00e4umen der Alzheimer Gesellschaft.\n Sie reden \u00fcber ihre Krankheit, tragen Gedichte vor, singen Lieder, oder\n sie malen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwungvoll bringt Bartel die Farbe aufs Papier, l\u00e4sst rote,  violette, orangenfarbene Linien ineinanderlaufen. Die Furcht und die  Unsicherheit sind aus seinen Augen verschwunden. Er summt und singt vor  sich hin. Er hat fr\u00fcher nie gemalt. Erst als die beginnende Demenz ihn  von seinem Beruf trennte, nahm er irgendwann versuchsweise den Pinsel in  die Hand, lange bevor sie auch in der Selbsthilfegruppe mit dem Malen  begannen. Inzwischen malt er fast jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_Alzheimer_was_passiert_im_Gehirn_96814d68d8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4238\" srcset=\"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_Alzheimer_was_passiert_im_Gehirn_96814d68d8.jpg 700w, https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_Alzheimer_was_passiert_im_Gehirn_96814d68d8-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_Alzheimer_was_passiert_im_Gehirn_96814d68d8-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/csm_Alzheimer_was_passiert_im_Gehirn_96814d68d8-150x113.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\nWer heute von Alzheimer oder Parkinson betroffen ist, ist unheilbar \nkrank. Ihm bleibt nur die Hoffnung, dass es den \u00c4rzten gelingt, \nzumindest das unbarmherzige Fortschreiten des Hirnabbaus zu bremsen. \nDenn gegen keine dieser neurologischen Krankheiten existiert bisher ein \nHeilmittel. Selbst die Ursachen sind in vielen F\u00e4llen noch nicht einmal \nrestlos aufgekl\u00e4rt. Klar ist nur: Es trifft vor allem die \u00c4lteren.\n\n<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Mein kranker Kopf malt Tagebuch<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Mitarbeiterin der Alzheimer Gesellschaft tritt in den Raum. Sie \nsagt: \u201eDer Kaffee ist fertig.\u201c Bartel nimmt einen Kugelschreiber und \nschreibt den Satz auf sein Bild. Er macht das manchmal, wenn er malt: \nH\u00e4lt das, was er h\u00f6rt, schriftlich fest, als wolle er sein besch\u00e4digtes \nGehirn entlasten. Mal sind es Nachrichten aus dem Radio, mal ein paar \nDinge, die ihm seine Frau erz\u00e4hlt. Auf zerflie\u00dfende Blaufl\u00e4chen, auf \nSchemen von Schiffen, auf geschwungene rote Linien schreibt er dann \nunvermittelt: \u201e\u00c4rger mit Putin\u201c oder \u201eScholz neuer Mann der SPD\u201c oder \n\u201eGerdi schreibt E-Mail an Petra\u201c. Mehrere Aquarellbl\u00f6cke hat er schon \ngef\u00fcllt auf diese Weise, auf der ersten Seite steht immer derselbe Satz:\n \u201eMein kranker Kopf malt Tagebuch.\u201c Die Bilder, die so entstehen, \ndokumentieren nicht nur das Zeitgeschehen, sondern auch das \nFortschreiten der Demenz.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er den Kugelschreiber absetzt, steht auf dem Papier, das an \ndiesem Nachmittag bei der Alzheimer Gesellschaft vor ihm liegt: \u201eDer Kae\n ist fertig.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben Heiner Bartel sitzt Isolde Bauer, eine gro\u00dfe stille, weit \u00fcber \n70-j\u00e4hrige Frau. Ihr Blatt ist noch fast wei\u00df. Jeden Farbklecks plant \nsie lange. Zaghaft setzt sie den Pinsel an, zieht langsam einen gelben \nStrich \u00fcber das Papier, setzt den Pinsel ab, schaut erschreckt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJetzt habe ich was verkehrt gemacht.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kunsttherapeutin tritt zu ihr.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNein, Frau Bauer, Sie haben gar nichts verkehrt gemacht.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heiner Bartel l\u00e4chelt. Dann sagt er laut in die Runde: \u201eDas ist ja \ndas Sch\u00f6ne, die da drau\u00dfen k\u00f6nnen so viel verkehrt machen. Wir nicht \nmehr.\u201c Einen Moment ist es still im Raum. Dann fangen alle an zu lachen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie lange wird er noch malen k\u00f6nnen? Wie lange noch schreiben? Ein  Jahr? Zwei? Drei? Bisher ist die Krankheit bei Heiner Bartel langsam  verlaufen. Aber das Tempo kann sich \u00e4ndern, unvermittelt, unerwartet,  auch das ist eines der R\u00e4tsel der Alzheimerkrankheit. Sicher ist nur,  dass sie zum Tode f\u00fchrt, manchmal nach f\u00fcnf, manchmal nach f\u00fcnfzehn  Jahren. Sicher ist, dass alle Patienten irgendwann das Bewusstsein  verlieren, krank zu sein. Meist hilft das ihrer Seele.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">So erlahmt das Kauen, das Schlucken und zuletzt das Atmen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht selten herrscht in gut betreuten Wohngemeinschaften f\u00fcr \nDemenzpatienten eine fr\u00f6hliche, fast ausgelassene Stimmung. Die \nKrankheit aber h\u00e4lt auch das nicht auf. Wie alle Alzheimerf\u00e4lle vor ihm \nwird auch Heiner Bartel sich selbst nicht mehr im Spiegel erkennen. Er \nwird das Sprechen verlernen, das Gehen, das selbstst\u00e4ndige Essen und \nTrinken.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wird dann stumm und unbeweglich im Stuhl sitzen wie jene Frau, die\n die Bartels neulich sahen und deren Anblick sie so erschreckte, obwohl \nsie doch seit Langem wissen, was sie erwartet.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatten sich auf einen sch\u00f6nen Nachmittag gefreut. Die Alzheimer \nGesellschaft hatte in einem Seniorenheim zum Tanz geladen. Es gab Kaffee\n und Kuchen, wie immer, ein paar Dutzend Leute sa\u00dfen an den Tischen, \nKranke und Gesunde, Angeh\u00f6rige und Patienten. Die Bartels betraten den \nRaum, hinten spielte ein Musiker auf der Elektroorgel, er sang \nVolkst\u00fcmliches und alte Schlager, einige Paare tanzten schon, da fiel \nihr Blick auf einen Mann, der an einem der Tische sa\u00df. Mit der einen \nHand hielt er die Gabel, ein St\u00fcckchen Kuchen darauf, die andere Hand \nhatte er auf die Schulter seiner Frau gelegt, die im Rollstuhl neben ihm\n sa\u00df, die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund \nleicht ge\u00f6ffnet. So sa\u00df sie da und bewegte sich nicht, nur hin und \nwieder kaute und schluckte sie. Zwei Stunden lang sa\u00df ihr Mann neben \nihr, er hat sie gef\u00fcttert und gestreichelt und ihr den Speichel von der \nWange gewischt. Die Bartels sahen es, und es war ihnen, als s\u00e4hen sie \nihre eigene Zukunft.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind trotzdem geblieben. Sie haben getanzt und gegessen, haben \nsich unterhalten und auch ein paar Mal mit den anderen gelacht, und am \nEnde, als alle aufstanden und sich bei den H\u00e4nden fassten, da haben sich\n die Bartels mit in den Kreis gestellt, und alle haben sie gesungen:\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Hamburg sagt man Tsch\u00fcss.<br>Das hei\u00dft Auf Wiedersehn.<br>In Hamburg sagt man Tsch\u00fcss.<br>Das klingt vertraut und sch\u00f6n,<br>und wer schon mal in Hamburg war,<br>der kann das gut verstehn,<br>und wer schon mal in Hamburg war,<br>der kann das gut verstehen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs war dann doch ganz sch\u00f6n\u201c, sagt Gerdi Bartel, \u201edie Gespr\u00e4che, die  Musik, und man tanzt ja auch ganz gerne.\u201c Dennoch sind sie nicht wieder  hingegangen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Angst vor der Umnachtung, nicht vor dem Tod<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heiner Bartel sagt, er habe weniger Angst vor dem Tod als vor der \nUmnachtung, die ihm vorausgeht. Angst davor, noch zu leben, noch da zu \nsein, bei Gerdi, seiner Frau, sie aber trotzdem allein zu lassen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerdi Bartel hat sich ein Buch gekauft. Es hei\u00dft <em>Abschied zu Lebzeiten.<\/em>\n Darin berichten die Angeh\u00f6rigen von Alzheimerkranken \u00fcber ihren Alltag.\n Es geht um M\u00e4nner, die ihre Frau anschreien, weil sie nicht wissen, wer\n diese fremde Person ist, die ihnen das Gesicht w\u00e4scht; es geht um \nInkontinenz und beschmutzte Fu\u00dfb\u00f6den und darum, dass vielen irgendwann \ndie Kraft ausgeht und sie den Erkrankten dann ins Pflegeheim geben. \nGerdi Bartel hat das Buch heimlich gelesen, einmal aber lie\u00df sie es auf \ndem Nachttisch liegen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas ist denn das f\u00fcr ein Buch?\u201c fragte er.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er nahm es in die Hand, schaute es an, bl\u00e4tterte darin, dann legte er\n es wieder zur\u00fcck. Sie wartete, was er sagen w\u00fcrde, gespannt, ein wenig \n\u00e4ngstlich auch. Aber er schwieg. Und sie schwieg dann auch.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gehirn eines gesunden, erwachsenen Menschen ist etwa 1,3  Kilogramm schwer. Das Gehirn eines Alzheimerpatienten im Endstadium  wiegt oft nur noch 900 Gramm. Wo beim Gesunden gut durchblutetes  Hirngewebe pulsiert, klaffen dann gro\u00dfe L\u00f6cher. Wenn der Erkrankte nicht  vorher an Nierenversagen oder einer Lungenz\u00fcndung stirbt, greifen die  Eiwei\u00dfpartikel als Letztes den Hirnstamm an, der die primitiven  K\u00f6rperfunktionen steuert. So erlahmt das Kauen, das Schlucken, zuletzt  das Atmen. Das ist dann das Ende.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gl\u00fccksmomente<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heiner Bartel geht die Stra\u00dfe entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt\n und jeden Meter kennt. In der Hand h\u00e4lt er einen Briefumschlag. Er \nschaut die Stra\u00dfe hinauf und hinunter, er sieht die Drogerie, den \nElektroladen, das Blumengesch\u00e4ft, und er wei\u00df, an den Blumen muss er \nvorbei. Er wollte den Weg noch einmal gehen, unbedingt wollte er es. \nAlso hat seine Frau ihm die Strecke beschrieben, immer wieder, und \ndieses Mal bleibt sie drin in seinem Kopf. Als er die Tulpen und Rosen \nhinter sich l\u00e4sst, sieht er eine Telefonzelle, dahinter entdeckt er \netwas Gelbes.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er geht n\u00e4her heran, es ist der Briefkasten. Heiner Bartel steckt den\n Umschlag in den Schlitz. Leise schlie\u00dft sich die Klappe. Einen Moment \nbleibt er stehen, dann geht er zur\u00fcck.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter wird Gerdi Bartel sagen, sie habe ihren Mann seit Wochen nicht\n mehr so gl\u00fccklich erlebt wie in dem Moment, als er nach Hause kam und \nihr sagte, er habe den Briefkasten wiedergefunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morbus Alzheimer &#8211; diese Diagnose stellt Patienten und ihre Angeh\u00f6rigen vor die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ihres Lebens. So auch Heiner Bartel und seine Frau. Stationen eines Weges in die Dunkelheit Heiner Bartel geht die Stra\u00dfe entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt und jeden Meter kennt, und auf einmal bleibt er stehen. 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