{"id":4234,"date":"2020-02-21T14:38:36","date_gmt":"2020-02-21T13:38:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=4234"},"modified":"2020-04-03T12:09:59","modified_gmt":"2020-04-03T10:09:59","slug":"genom-analysen-wahrsager-im-labor","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/fakten-widerreden\/krankheiten\/genom-analysen-wahrsager-im-labor\/","title":{"rendered":"Genom-Analysen: Wahrsager im Labor"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Jahren wurde uns \nberichtet, dass die Menschheit &nbsp;nach der Entschl\u00fcsselung des \nmenschlichen Genoms vor einem medizinischen Durchbruch st\u00fcnde. Es wurde \nund mehr oder weniger gesagt, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, \nbis man endlich in der Lage sei, aus den Genen abzulesen, f\u00fcr welche \nKrankheiten wir ein erh\u00f6htes Risiko h\u00e4tten. Die Frage an die \nWissenschaft lautete: Wird das Entstehen einer Krankheit von Tausenden \nverschiedenen Genen beg\u00fcnstigt? Je genauer Wissenschaftler das \nmenschliche Erbgut untersuchen, desto ern\u00fcchterter erkennen sie: F\u00fcr \nviele Volksleiden lassen sich keine einfachen genetischen Ursachen \nausmachen. Sind Genom-Analysen also ohne klinische Bedeutung?\n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bahnbrechende Studie zum Risiko bei Prostatakrebs<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Januar 2008 ver\u00f6ffentlichten amerikanische und schwedische \u00c4rzte \neine scheinbar bahnbrechende Studie: M\u00e4nner, die f\u00fcnf bestimmte \ngenetische Varianten im Erbgut tr\u00fcgen, so die Botschaft, h\u00e4tten ein fast\n zehnmal h\u00f6heres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen so starken Effekt &#8222;haben wir niemals zuvor gesehen&#8220;, verk\u00fcndete  der beteiligte Arzt Xu Jianfeng von der Wake Forest University School  of Medicine in North Carolina. Zur Fr\u00fcherkennung will er nun einen  Gentest \u00fcber die Firma Proactive Genomics vermarkten, zu deren Gr\u00fcndern  er z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nicht jeder h\u00e4lt das f\u00fcr eine gute Idee.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Raum 207 der School of Public Health der Harvard University in \nBoston forscht ein Gelehrter, der die Studie gr\u00fcndlich analysiert hat. \nEr hei\u00dft Peter Kraft und hat Deutsch und Mathematik studiert. An seiner \nT\u00fcr h\u00e4ngt das Brecht-Gedicht &#8222;Der Zweifler&#8220;, und das passt gut zu der \nArt und Weise, wie er seinen Beruf als Epidemiologe aus\u00fcbt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kraft bestreitet nicht die Seriosit\u00e4t der Arbeit, die im &#8222;New England\n Journal of Medicine&#8220; erschienen ist. Aber aufgefallen ist ihm, wie \ngeschickt die Autoren ihre Daten pr\u00e4sentieren, damit die von ihnen \ngefundenen Varianten im Erbgut als besonders gef\u00e4hrlich erscheinen. Dazu\n haben sie M\u00e4nner, die keine der Varianten tragen, mit jenen verglichen,\n die gleich alle f\u00fcnf haben. Nur wenn man die beiden Extreme \nnebeneinanderstellt, l\u00e4sst sich ein bedrohlich hohes Risiko errechnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die allermeisten der insgesamt untersuchten 4700 M\u00e4nner geh\u00f6ren aber \ngar nicht in diese Extremgruppen. Rund 90 Prozent von ihnen haben \nn\u00e4mlich eine, zwei oder drei Varianten &#8211; und die Risikounterschiede \nzwischen diesen Gruppen sind denkbar gering.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Auf die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der M\u00e4nner trifft das zehnfach erh\u00f6hte \nRisiko also gar nicht zu&#8220;, sagt Peter Kraft. &#8222;Da frage ich mich: Ist der\n Gentest wirklich sinnvoll?&#8220; Mit seiner Skepsis steht der Epidemiologe \nnicht allein. Auch der Genetiker David Goldstein von der Duke University\n in Durham, North Carolina, stutzt, wenn er von immer neuen \nErfolgsmeldungen der Genj\u00e4ger h\u00f6rt. Viele Fundst\u00fccke, die in der \n\u00d6ffentlichkeit marktschreierisch als Krankheitsgene verkauft w\u00fcrden, \nseien blo\u00df statistische Auff\u00e4lligkeiten. Der Lockenkopf, der den \nBesucher in Flip-Flops begr\u00fc\u00dft, erz\u00e4hlt, wie er sich selbst voller \nBegeisterung auf die Suche nach Krankheitsursachen im Erbgut gemacht \nhabe.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ging dabei nicht um sogenannte monogene Leiden, bei denen ein  bestimmter Gendefekt eindeutig zum Ausbruch einer Erbkrankheit f\u00fchrt.  Vielmehr war er Leiden wie Krebs oder Herzinfarkt auf der Spur, die von  Genen abh\u00e4ngen, aber auch Umwelteinfl\u00fcssen unterliegen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Doch vor ungef\u00e4hr anderthalb Jahren kam Goldstein zunehmend ins Gr\u00fcbeln. <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je\n gr\u00fcndlicher er und andere Genom-Forscher in Vergleichsstudien nach \nauff\u00e4lligen Abschnitten suchten, desto weniger kam dabei heraus.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beispiel Diabetes vom Typ 2: Das Stoffwechselleiden wird zwar vor \nallem durch Bewegungsmangel und Fehlern\u00e4hrung verursacht, hat aber auch \neinen erblichen Anteil &#8211; und die daf\u00fcr verantwortlichen Gene wollten die\n Forscher finden.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wir haben Studien mit Zehntausenden Patienten durchgef\u00fchrt&#8220;, sagt  Goldstein. &#8222;Dabei wurden tats\u00e4chlich viele auff\u00e4llige Genvarianten  gefunden; doch sie alle k\u00f6nnen nur ein paar Prozent der vererbten  Diabetes-2-F\u00e4lle erkl\u00e4ren. Wo ist der gro\u00dfe Rest?&#8220; Seine Antwort: Der  Rest schlummert im Erbgut und ist \u00fcbersehen worden, weil die bisherigen  Suchmethoden zu grobmaschig sind. Eine bestimmte Krankheit h\u00e4nge mit  Dutzenden oder gar Hunderten dieser noch unerkannten Stellen im Erbgut  zusammen. Wenn aber so viele Gene die biologische Ursache einer  Krankheit ausmachen, dann ist die Aussagekraft jedes einzelnen dieser  Gene \u00e4u\u00dferst gering.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zunehmende Zweifel an kommerzielle Erbgutanalysen <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesem Grund ziehen Biologen jetzt auch die klinische Relevanz \nkommerzieller Erbgutanalysen in Zweifel, die mehr und mehr auf den \nMassenmarkt dr\u00e4ngen. Im September 2008 hat die Firma 23andMe aus \nKalifornien die Preise um 60 Prozent gesenkt. Wer 399 Dollar zahlt, darf\n eine Speichelprobe einschicken und kann schon wenig sp\u00e4ter sein \ngenetisches Profil auf einer Internet-Seite einsehen: Es enth\u00e4lt mehr \nals hundert Krankheiten und Merkmale.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch es zeigt sich: Die Tests erfassen genetische Varianten, deren \nEinfluss auf die Gesundheit eben viel geringer ist als gedacht. &#8222;F\u00fcr \nmich ist das reines Entertainment, weil es derzeit aus dem Angebot \ndieser Genom-Firmen nichts gibt, was ich f\u00fcr klinisch verwendbar \nhielte&#8220;, sagt Genetiker Goldstein. &#8222;Glauben Sie nur ja nicht, dass Sie \nmit einem solchen Test etwas tun, das wichtig f\u00fcr Ihre Gesundheit w\u00e4re.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">David Altshuler vom Broad Institute in Cambridge, Massachusetts, \ngeh\u00f6rt ebenfalls zu den f\u00fchrenden Wissenschaftlern auf dem Feld der \nGenom-Forschung &#8211; und hat auch kein Interesse, sein Erbgut n\u00e4her \nkennenzulernen. &#8222;Wenn es mir jemand auf einer CD g\u00e4be, w\u00fcrde ich mich \nweigern, die Daten anzuschauen&#8220;, sagt er. &#8222;Sie sind bedeutungslos.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das neue Verst\u00e4ndnis der Krankheitsvererbung l\u00e4sst nicht nur die  bisher g\u00e4ngigen Erbgutanalysen \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen, sondern es  reicht viel weiter: Wenn es stimmt, dass Dutzende, wenn nicht gar  Hunderte Abschnitte im Erbgut mit einer bestimmten Krankheit  zusammenh\u00e4ngen, dann gr\u00fcndet ein tragendes Konzept der modernen  Biomedizin auf einer falschen Annahme: jenes der personalisierten  Medizin.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Wir sollten damit anfangen, die kompletten Genome von Patienten zu sequenzieren&#8220;<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit w\u00fcrde eine Hypothese ihre Grundlage verlieren, welche die \nGenforschung in den vergangenen Jahren gepr\u00e4gt und Millionensummen \nverschlungen hat: Viele Volksleiden, so die Hoffnung, w\u00fcrden durch eine \n\u00fcberschaubare Zahl von Krankheitsgenen beg\u00fcnstigt, die vergleichsweise \nh\u00e4ufig in der Bev\u00f6lkerung vorkommen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese postulierten Krankheitsgene waren vor rund 20 Jahren der \ntiefere Grund, die s\u00fcndhaft teure Sequenzierung des menschlichen Erbguts\n voranzutreiben. Nachdem die Sequenz im Jahr 2003 vollst\u00e4ndig vorlag, \nmachten Forscher auf dem Genom Millionen Stellen aus, die sich von \nMensch zu Mensch unterscheiden. Diese &#8222;SNPs&#8220; (sprich Snips, f\u00fcr &#8222;Single \nNucleotide Polymorphisms&#8220;) dienten als Wegweiser durch die Weiten des \nGenoms.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum war das Erbgut ausgeflaggt, ging es ans eigentliche Werk. \nForscher suchten mit Hilfe von Massentests nach SNPs, die geh\u00e4uft bei \nbestimmten Erkrankungen auftreten. Findet sich ein auff\u00e4lliges SNP, so \ndie \u00dcberlegung, dann m\u00fcsste in dessen N\u00e4he wiederum ein Gen liegen, das \nbei der Entstehung des Leidens eine wichtige Rolle spielt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich haben Biologen Gene entdeckt, die klinisch relevant sind.\n &#8222;BRCA1&#8220; oder &#8222;BRCA2&#8220; erh\u00f6hen das relative Risiko, an Brustkrebs zu \nerkranken, um das Drei- bis Siebenfache. Und das &#8222;APOE4&#8220;-Gen erh\u00f6ht das \nAlzheimer-Risiko um das 3- bis 15fache. &#8222;Wir gingen davon aus, mehr Gene\n mit einer \u00e4hnlichen Bedeutung zu finden&#8220;, erinnert sich der \nHarvard-Epidemiologe Kraft.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese Erwartung scheint sich mehr und mehr als Wunschdenken zu \nerweisen. &#8222;BRCA1&#8220; oder &#8222;APOE4&#8220; waren wohl nur Ausnahmen. Mehr als \nhundert Vergleichsstudien zu mehr als 70 h\u00e4ufigen Leiden haben die \nGenj\u00e4ger inzwischen abgeschlossen &#8211; doch von der erhofften Ausbeute kaum\n eine Spur. Sie haben 200 SNPs entdeckt, die bestenfalls einen Bruchteil\n der Krankheiten biologisch erkl\u00e4ren.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Mysterium steht nur scheinbar im Widerspruch zu den vielen  Erfolgsmeldungen, die aus den Laboratorien dringen. Kaum eine Woche  vergeht, in der Forscher und Medien nicht die Entdeckung eines neuen  &#8222;Krankheitsgens&#8220; feiern. Doch in den allermeisten F\u00e4llen, so auch bei  den f\u00fcnf angeblichen Prostatakrebs-Genen, handelt es sich in Wahrheit  nur um SNPs, die vermutlich gar keine klinische Bedeutung haben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Aufgebauschte maue Befunde zum Eintreiben von Forschungsgeldern<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichwohl bauschen Forscher ihre mauen Befunde systematisch auf, \nindem sie kleine Risiken zu einem gro\u00dfen Risiko zusammenrechnen, wie dem\n Harvard-Epidemiologen Kraft aufgefallen ist: &#8222;Wissenschaftler sind \nnicht gegen Druck gefeit, ihre Ergebnisse \u00fcbertrieben darzustellen, um \nh\u00e4ufiger zitiert zu werden und Forschungsgelder einzutreiben.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anbieter von Genom-Analysen wiederum haben laut Kraft &#8222;finanzielle \nAnreize, die Bedeutung ihrer Tests zu \u00fcbertreiben, die ungef\u00e4hr so \naussagekr\u00e4ftig sein m\u00f6gen wie eine Kristallkugel zum Wahrsagen auf \nmeinem Schreibtisch&#8220;.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich verfolgen auch die Mitarbeiter der Firma 23andMe, unter \nihnen viele Genetiker, wie die personalisierte Medizin derzeit \nentzaubert wird. Aber Schl\u00fcsse z\u00f6gen sie daraus bisher nicht, sagt die \nFirmensprecherin Rachel Cohen: &#8222;Es \u00e4ndert nichts daran, dass SNPs eine \nwichtige Rolle f\u00fcr die Gesundheit spielen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter den Genom-Forschern ist unterdessen eine Debatte ausgebrochen, \nwie man weiterforschen soll. W\u00e4hrend die einen noch mehr und noch \ngr\u00f6\u00dfere Vergleichsstudien fordern, halten Skeptiker wie Goldstein dies \nf\u00fcr reine Zeitverschwendung:\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wenn man 30.000 Patienten mit Diabetes Typ 2 untersucht hat, dann \nhalte ich es f\u00fcr sinnlos, die Zahl auf 60.000 oder 100.000 zu erh\u00f6hen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum bei den Massenscreenings wenig herauskam, ist f\u00fcr ihn leicht zu\n erkl\u00e4ren. Viele Erbkrankheiten, so der Forscher, gingen auf Gene \nzur\u00fcck, die auch dazu f\u00fchrten, dass sich die Betroffenen nur schlecht \nfortpflanzen. Goldstein: &#8222;Diese Varianten sind schlecht f\u00fcr uns und \nhaben deshalb in der Bev\u00f6lkerung nur eine extrem kleine Verbreitung.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eher seltenen Krankheitsgene kommen demnach in weniger als einem  Prozent der Bev\u00f6lkerung vor &#8211; und wurden deshalb mit den bisher \u00fcblichen  grobmaschigen Vergleichsstudien nicht erkannt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Nun schl\u00e4gt Goldstein eine radikal andere Strategie vor: <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt kranke und gesunde Menschen nur grob genetisch miteinander zu \nvergleichen, sollten die Forscher das Erbgut kranker Menschen gr\u00fcndlich \ndurchforsten, Gen f\u00fcr Gen. &#8222;Wir sollten damit anfangen, die kompletten \nGenome von Patienten zu sequenzieren&#8220;, fordert Goldstein.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis vor kurzem noch w\u00e4re der Vorschlag vollkommen unpraktikabel \ngewesen. Doch immer schnellere Sequenziermethoden machen es jetzt \nbezahlbar, die Genome ganzer Patientengruppen zu durchmustern: Baustein \nf\u00fcr Baustein, damit diesmal nichts \u00fcbersehen wird.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem Labor an der Duke University probieren Goldstein und seine \nMitarbeiter den neuen Ansatz schon aus. Die Proben in den hellblauen \nSequenzierger\u00e4ten stammen von Menschen mit der Bluterkrankheit. Sie \nhatten Anfang der achtziger Jahre, als es noch keine \nSicherheitsma\u00dfnahmen gab, Blutgerinnungsmittel erhalten, die mit dem \nHI-Virus verseucht waren. Viele Bluter wurden damals auf diese Weise mit\n dem HI-Virus infiziert und starben sp\u00e4ter an Aids. Einige von ihnen \njedoch waren resistent gegen die Immunschw\u00e4che.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche der Gl\u00fccklichen, das haben andere Untersuchungen ergeben, \ntragen einen ver\u00e4nderten Rezeptor auf den Zellen, so dass das HI-Virus \nnicht eindringen kann. Aber das erkl\u00e4rt nur einen kleinen Teil der \nResistenzen. Viele andere Bluter ohne diese Rezeptorvariante haben \nebenfalls \u00fcberlebt &#8211; warum nur?\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen, sequenzieren Goldstein und seine Mitarbeiter  jetzt die kompletten Erbanlagen von 50 Betroffenen: Die biologische  Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihre Resistenz muss irgendwo in ihren Genen liegen. Die  Pionierstudie ist nur der Auftakt. Als N\u00e4chstes will Goldstein auf diese  Weise auch Krankheitsgene finden. So sollen die Genome von Menschen mit  Schizophrenie vollst\u00e4ndig entschl\u00fcsselt werden, um endlich die daf\u00fcr  verantwortlichen seltenen Gene ausfindig zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Forscher h\u00e4lt es indes f\u00fcr m\u00f6glich, dass es am Ende sogar zu einem ern\u00fcchternden Paradigmenwechsel kommen k\u00f6nnte: <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erkrankt wom\u00f6glich jeder Patient aus einem eigenen genetischen Grund? Hat jeder seine individuellen Krankheitsgene?\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Dann k\u00e4men wir in Schwierigkeiten&#8220;, sagt Goldstein, &#8222;weil die \nEntwicklung von Therapien praktisch kaum m\u00f6glich und nicht zu bezahlen \nw\u00e4re.&#8220; Wichtiger noch: Diese Erkenntnis w\u00fcrde das Verst\u00e4ndnis von \nKrankheiten tiefgreifend ver\u00e4ndern.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Leiden wie die Schizophrenie gibt es so vielleicht gar nicht. \nVielmehr k\u00f6nnten es Hunderte verschiedene Krankheiten sein, die sich \nrein zuf\u00e4llig in den gleichen Symptomen \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren wurde uns berichtet, dass die Menschheit &nbsp;nach der Entschl\u00fcsselung des menschlichen Genoms vor einem medizinischen Durchbruch st\u00fcnde. 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