{"id":4035,"date":"2020-02-20T10:36:12","date_gmt":"2020-02-20T09:36:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=4035"},"modified":"2020-04-06T10:21:15","modified_gmt":"2020-04-06T08:21:15","slug":"warum-antidepressiva-mitunter-versagen","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/fakten-widerreden\/arzneimittel\/warum-antidepressiva-mitunter-versagen\/","title":{"rendered":"Warum Antidepressiva mitunter versagen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \nDepression trifft Menschen, bei denen es unausweichlich scheint: \nungl\u00fcckliche Kindheit, Beziehungsprobleme, Stress. Und sie trifft \nandere. Fast jeder f\u00fcnfte Deutsche leidet zumindest einmal im Leben \nunter einer Depression. Ist das der Grund, weshalb moderne \nAntidepressiva es auf Platz 5 der weltweit am h\u00e4ufigsten verkauften \nMedikamente geschafft haben?\n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Aus dem Gedicht einer an Depression erkrankten Frau<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Draussen w\u00e4r&#8216; Sonne, im Herzen ist Nacht.<br>Ich teile den Tag mit einer Macht,<br>die in mir wohnt, die zu mir geh\u00f6rt,<br>die mein Leben ver\u00e4ndert; vielleicht auch zerst\u00f6rt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es fehlt mir die Kraft, um aufzustehen<br>Und die Welt mit meinen Augen zu sehen.<br>Stunden vergehen &#8211; der Tag ist verlebt,<br>die Seele bleibt mit Schleiern belegt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Antidepressiva nennt man verharmlosend \u201eStimmungsaufheller\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Sie war \u00fcberhaupt kein tr\u00fcbsinniger Mensch. Sie hat das Leben \ngeliebt, sie war in einer Sambatruppe und hat da rege mitgespielt. Sie \nhat das Leben geliebt.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lothar Schr\u00f6der \u00fcber seine Frau Monika Kranz. Es ist im Jahre 2004, \nda geschieht etwas mit ihr. Sie scheint sich zur\u00fcckzuziehen. Sie \nschweigt h\u00e4ufiger als sonst, gr\u00fcbelt. Lothar Schr\u00f6der ist irritiert, \ndenkt aber gleichzeitig: Das wird schon wieder. Denn es gab Einschnitte \nim Leben seiner Frau, gerade in letzter Zeit: Ihre einzige Tochter war \nausgezogen, hatte in Marburg ein Studium begonnen. Doch dann wird es \nschlimmer.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Da hatte dann ihr Hausarzt vorgeschlagen, ein stimmungssteigerndes \nMittel am Morgen zu nehmen, um besser in den Tag zu kommen. Das wurde \nihr und mir dann als Stimmungsaufheller verkauft. Nicht als \nAntidepressivum, weil das negativ besetzt ist, sondern als \nStimmungsaufheller.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Arzt verschreibt ihr das Mittel Zoloft der Firma Pfizer. Es  geh\u00f6rt zur Gruppe der sogenannten selektiven Serotonin  Wiederaufnahmehemmer, die Fachleute sprechen kurz von SSRI. Diese  modernen Antidepressiva haben einen rasanten Aufstieg hinter sich. Sie  geh\u00f6ren mittlerweile zu den Top 5 der weltweit am h\u00e4ufigsten verkauften  Arzneimittel. SSRI greifen direkt in den Stoffwechsel von Botenstoffen  im Gehirn ein. Insbesondere das so genannte Serotonin wird beeinflusst,  nach Ansicht vieler Fachleute eine Art Schalter f\u00fcr die Depression.  Monika Kranz versucht es nun mit diesen &#8222;Stimmungsaufhellern&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Starke Nebenwirkungen schon nach einer einzigen Tablette<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lothar Schr\u00f6der: &#8222;Sie hatte damals dann\n nur eine einzige Tablette von diesem Mittel Zoloft genommen und hatte \nda so starke Nebenwirkungen bekommen, dass sie es am n\u00e4chsten Tag sofort\n abgesetzt hat.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie f\u00fchlt sich unruhig, bekommt Schwei\u00dfausbr\u00fcche. Ihr Hausarzt r\u00e4t \nihr am n\u00e4chsten Tag, Zoloft nicht mehr zu nehmen. Doch Monika Kranz hat \nbereits viel gelesen, sich informiert. Auch in medizinischen Ratgebern, \nim Internet.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lothar Schr\u00f6der: &#8222;Dass in \u00fcber 70Prozent der F\u00e4lle diese Mittel \ninnerhalb von vier Wochen helfen, und dass diese Mittel sicher und \nvertr\u00e4glich w\u00e4ren und in keiner Weise die Pers\u00f6nlichkeit ver\u00e4ndern \nw\u00fcrden. Und das hatte meiner Frau auch die Kraft gegeben, fatalerweise \nnoch mal einen Versuch mit dem Mittel Zoloft zu machen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wieder sind die Nebenwirkungen sehr stark. Sie setzt das Mittel \nauch auf \u00e4rztlichen Rat hin nach einigen Tagen endg\u00fcltig ab.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Als ich da nach Hause kam, habe ich schon bemerkt, dass meine Frau \nsehr bedr\u00fcckt war. Irgendwie bekam ich da keinen richtigen Zugang zu \nihr. Ich habe dann noch versucht, ihr wieder Mut zu machen. Jetzt, wo \nsie das Medikament nicht mehr nehme, w\u00fcrde es ihr auch bald wieder \nbesser gehen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen geht Lothar Schr\u00f6der wie immer zur Arbeit. Seine Frau liegt noch im Bett, als er das Haus verl\u00e4sst.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Dann rief mich gegen Mittag mein Schwager, der neben wohnte, auf der  Arbeit an, war vollkommen in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st und sagte mir: Ich muss  unbedingt schnell nach Hause kommen, weil Monika tot w\u00e4re. Das hat mich  dann getroffen wie ein Blitz, ein Hammerschlag. Ich wollte dann noch  wissen: Was ist denn eigentlich passiert? Ich dachte zuerst an  irgendeinen Unfall, Autounfall oder auf der Stra\u00dfe \u00fcberfahren oder  irgendwas. Dann hat er mir schon am Telefon gesagt: Sie hat sich das  Leben genommen, sie hat sich umgebracht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr viele Erkrankte sind Antidepressiva nach Meinung von Psychiatern ein Segen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber kaum eine Medikamentengruppe ist in den letzten Jahren so heftig  gestritten worden wie \u00fcber Antidepressiva. F\u00fcr viele Erkrankte sind sie  nach Meinung von Psychiatern ein Segen. Gerade moderne Mittel wie die  SSRI k\u00f6nnten die Stimmung der Patienten nachweislich bessern, glauben  sie. Gleichzeitig h\u00e4tten sie nicht die unangenehme Eigenschaft \u00e4lterer  Antidepressiva, dass sie n\u00e4mlich die Sinne d\u00e4mpfen fast wie ein  Narkotikum. Dennoch: Ausgerechnet jene modernen Mittel, die so wirksam  aus dem Stimmungskeller herausf\u00fchren sollen, k\u00f6nnen manche Patienten  offenbar noch tiefer hineinsto\u00dfen. So mehren sich seit Ende der  90er-Jahre Berichte, dass vor allem junge Patienten Selbstmord begehen &#8211;  und zwar kurz nach Beginn der Behandlung mit Mitteln vom Typ SSRI. Dass  tats\u00e4chlich ein solcher Zusammenhang besteht, ist mittlerweile durch  mehrere Studien belegt. \u00c4rzte suchen nach Erkl\u00e4rungen, versuchen, die  Selbstmorde mit Verhaltensauff\u00e4lligkeiten in Zusammenhang zu bringen,  die sie bei ihren Patienten beobachten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schwerste Nebenwirkungen der Antidepressiva<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Psychiater Bruno-M\u00fcller Oerlinghausen: &#8222;Diese neuen  Antidepressiva haben Eigenschaften, die die alten so nicht hatten. Sie  l\u00f6sen innere und \u00e4u\u00dfere Erregung aus. Das \u00e4u\u00dfert sich in Unruhe,  Bewegungsunruhe, in Angst und Schlaflosigkeit. Wir wissen auf der  anderen Seite, dass, wenn ein Menschen ohnehin schon Suizid-Ideen hat,  dass dann irgendwelche Faktoren von innen oder au\u00dfen, die zu verst\u00e4rkter  Angst und Erregung in ihm f\u00fchren, das Risiko erh\u00f6hen, dass er sich  tats\u00e4chlich t\u00f6tet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Antidepressiva und Selbstmord <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den ersten Warnungen einiger \nExperten bis zur Anerkennung des Zusammenhangs zwischen der Einnahme von\n Antidepressiva und erh\u00f6hten Selbstmordraten durch Psychiater und \nmedizinische Fachgesellschaften vergingen viele Jahre. Besonders sp\u00e4t \nkam die Botschaft in Deutschland an. Als Lothar Schr\u00f6der nach dem Suizid\n seiner Frau verzweifelt nach Gr\u00fcnden f\u00fcr ihre Tat sucht, denkt er \nirgendwann auch an das Medikament Zoloft, das sie zuletzt nahm. Ohne \nallerdings von der international schon entbrannten Diskussion um die \nSSRI irgendetwas zu ahnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Dann habe ich einfach mal das Medikament in Verbindung mit Suizid, \nalso im englischen &#8222;suicide&#8220;, einfach mal in Google eingegeben und bin \ndann auch sofort f\u00fcndig geworden, was mich auch total schockiert. Ich \nwei\u00df, meine Frau hatte sich auch im Internet informiert, aber nur auf \ndeutschen Seiten, weil sie nicht so gut in Englisch war, nur auf \ndeutschen Seiten. Und da hatten wir auch dr\u00fcber gesprochen und da wurde \n\u00fcberall stets behauptet, dass diese Medikamente sicher und wirksam \nseien. Und da habe ich gedacht, das kann doch einfach nicht wahr sein. \nWarum gibt es in Deutschland denn \u00fcberhaupt keine Informationen dar\u00fcber?\n Ich war geschockt, ich war w\u00fctend, ich war fassungslos. Ich war \nwirklich am Boden zerst\u00f6rt.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Monika Kranz nahm sich im April 2005 das Leben, indem sie sich von  einem G\u00fcterzug \u00fcberrollen lie\u00df. In den USA waren zu diesem Zeitpunkt die  Packungen von Zoloft schon mit einem Warnhinweis versehen, das  Suizidrisiko sei zumindest bei Jugendlichen erh\u00f6ht. In Deutschland  fehlte so ein Hinweis. Und die Fachgesellschaften waren sich ohnehin  einig: Erwachsene sind von der Nebenwirkung Selbstmord nicht betroffen.  So schrieb das Kompetenznetz Depression in einer Mitteilung:  \u201eSpekulationen, dass SSRI in besonderem Ma\u00dfe die Gefahr der  Suizid-Induktion bergen, sind nicht nur nicht belegt, sondern k\u00f6nnen  durch neuere Untersuchungen weitgehend ausgeschlossen werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Entwarnung also? War Monika Kranz einfach ein tragischer Fall? <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sah ihr Mann f\u00e4lschlicherweise das Mittel Zoloft als Ursache,  vielleicht sogar irregeleitet durch Medienberichte? Die Diskussion  sollte deshalb auch in Fachkreisen mit der notwendigen Sensibilit\u00e4t  gef\u00fchrt werden und nicht zu schnell in die nach Skandalen jagende  Laienpresse \u00fcbertragen werden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Stimmungskiller statt Stimmungsaufheller?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Professor Hans-J\u00fcrgen M\u00f6ller, \nUniversit\u00e4tsklinikum M\u00fcnchen. Tatsache ist: Monika Kranz hat von ihrem \nAntidepressivum nicht profitiert. Allem Anschein nach wirkte es bei ihr \nals Stimmungskiller. Aber wie kann ein Medikament das ausl\u00f6sen, was es \neigentlich verhindern soll? Was wei\u00df die Forschung tats\u00e4chlich \u00fcber die \nWirkung der Antidepressiva? Was wei\u00df sie \u00fcber die Ursachen der \nDepression?\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Universit\u00e4t M\u00fcnchen, Klinik f\u00fcr Psychiatrie. Von den hohen Fluren des\n Gr\u00fcnderzeitbaus gehen in den unteren Stockwerken die Krankenzimmer der \nNotfallambulanz ab. Dort liegen auch schwer an Depression erkrankte \nPatienten, zum Teil sind sie suizidgef\u00e4hrdet. Doch hier im 4. Stock ist \nes anders. &#8222;Das ist unser Hauptlabor f\u00fcr die genetischen Untersuchungen.\n Schaun mer mal.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Keine Patienten in den Zimmern, daf\u00fcr viele blinkende K\u00e4sten und \nMaschinen. Es ist das typische Inventar eines molekularbiologischen \nLabors. Dr. Peter Zill leitet hier die Forschungsarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Sein Ziel: die Suche nach Depressionsgenen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Also  im Wesentlichen ist es so, dass wir Blutproben bekommen von Patienten,  entweder hier aus der Klinik oder im Rahmen von Multicenter-Studien von  anderen Kliniken. Aus diesen Blutproben wird hier DNA isoliert, also die  menschliche Erbsubstanz und dann versuchen wir im Wesentlichen auf  dieser DNA uns bestimmte Bereiche anzuschauen, wo des \u00f6fteren  Variationen beschrieben sind, dass diese Gene in unterschiedlichen  Formen auftreten und wir versuchen mit verschiedenen Methoden dann diese  Variationen nachzuweisen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die entscheidende Frage ist: Sind die Gene von Depressiven anders? <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist die wahre Ursache f\u00fcr die Erkrankung ein ver\u00e4ndertes, also  mutiertes Gen? Und wenn ja, welches Gen k\u00f6nnte es sein? Peter Zill  recherchiert in wissenschaftlichen Datenbanken und in der Literatur nach  schon bekannten biochemischen Ursachen der Depression. Nach Ansicht der  meisten Forscher ist ein Stoff der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der  Erkrankung: Das Serotonin, ein Botenstoff, der die Aktivit\u00e4t von  Nervenzellen beeinflusst. Und so mancher Forscher hat die Depression  bereits auf die einfache Formel gebracht:<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Depression ist Serotoninmangel im Gehirn<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb w\u00fcrden ja auch die Antidepressiva wirken. Gerade die \n&#8222;Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer&#8220;, also die SSRI, heben \nn\u00e4mlich den Serotoninspiegel im Gehirn, ein Serotoninmangel wird also \nausgeglichen. So wirken neben Zoloft auch Medikamente wie Fluctin von \nLilly, Fevarin von Solvay oder Cipramil von Lundbeck.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Zill bedient jetzt eine Maschine, die aus dem Erbgut eines \nPatienten praktisch ein einzelnes Gen herausfischen kann. Zill sucht \nnach einem speziellen Gen. Es spielt eine wichtige Rolle bei der \nProduktion des Serotonins im K\u00f6rper und hei\u00dft \nTryptophan-Hydroxylase-Gen. Es ist Teil der Serotonin-Fabrik. \nFunktioniert die Tryptophan-Hydroxylase nicht richtig, wird zu wenig \nSerotonin hergestellt. Peter Zill dr\u00fcckt einige Tasten, dann erscheint \nauf dem Bildschirm des angeschlossenen Computers das Ergebnis.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Das ist die Darstellung der verschiedenen Genotypen. Es gibt den  sogenannten Wildtyp, das ist der Ausgangsgenotyp, dann gibt es den  ver\u00e4nderten Genotyp, das ist praktisch die mutierte Form und dann gibt  es von beiden eine Mischform, also je nachdem wie das Individuum diese  Allele von den Eltern vererbt bekommen hat.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Ergebnisse waren zun\u00e4chst vielversprechend<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und tats\u00e4chlich: Im Erbgut dieses schwer depressionskranken Patienten  findet sich ein ver\u00e4ndertes Tryptophan-Hydroxylase-Gen. Es entspricht  nicht der Normalversion oder dem &#8222;Wildtyp&#8220; wie die Genetiker sagen.  K\u00f6nnte es sein, dass bei diesem Patienten die Fabrik f\u00fcr das Serotonin  defekt ist? Und dass er deshalb eine Depression bekam? Peter Zill wollte  genau diesen Zusammenhang wissenschaftlich beweisen. Er konzentrierte  sich dabei auf schwer an Depression erkrankte Menschen, isolierte aus  Blutproben die Erbsubstanz DNA. Dar\u00fcber hinaus \u00fcberlie\u00df ihm die  Rechtsmedizin sogar Gewebeproben von 15 Selbstm\u00f6rdern zur DNA-Analyse.  Die Ergebnisse waren zun\u00e4chst vielversprechend: Tats\u00e4chlich traten  einige Genvarianten bei den Betroffenen geh\u00e4uft auf. Hatte Zill damit  den Schalter gefunden, der Serotonin an- und ausknipst &#8211; und damit die  Depression?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ganz so einfach ist es doch nicht<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Das w\u00e4re nat\u00fcrlich die gew\u00fcnschte \nVorstellung, aber leider ist es nicht so. Es kommt h\u00e4ufiger vor, dass \nman v\u00f6llig widerspr\u00fcchliche Ergebnisse bekommt zur eigenen \nGrundvorstellung, die man hatte. Ist nat\u00fcrlich klar, diese Erkrankungen \nhaben eine unglaublich gro\u00dfe Heterogenit\u00e4t, da spielen so viele Faktoren\n eine Rolle, wahrscheinlich greifen die alle ineinander, beeinflussen \nsich gegenseitig &#8211; ja, es w\u00e4re zu sch\u00f6n, aber so einfach kann man es \ndoch nicht erkl\u00e4ren.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr Peter Zill. Bestimmte Genvarianten kommen bei \neinigen Patienten zwar h\u00e4ufiger vor, bei anderen aber wiederum nicht. \nNoch entt\u00e4uschender: Die auff\u00e4lligen Gene erniedrigen keineswegs alle \nden Serotoninspiegel. Nicht zuletzt aufgrund solcher Ergebnisse zweifeln\n viele Wissenschaftler mittlerweile daran, dass Serotonin der \nDepressionsschalter ist. Aber wie ist der Botenstoff \u00fcberhaupt in diese \nRolle geraten? Dazu muss man die Vorgeschichte kennen, sagt der \nPsychiater Professor J\u00fcrgen Fritze: &#8222;Vor 50 Jahren wurden zuf\u00e4llig \nWirkmechanismen f\u00fcr Antidepressiva entdeckt &#8211; eine rein zuf\u00e4llige \nEntdeckung.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4rzte machten die merkw\u00fcrdige Beobachtung, dass Tuberkulosepatienten  mitunter sehr fr\u00f6hlich waren, besonders, wenn sie ein Tuberkulosemittel  namens Iproniazid schluckten. Nachfolgende Analysen ergaben dann, dass  Iproniazid den Pegel mehrerer Botenstoffe im Gehirn erh\u00f6ht, darunter  Noradrenalin, Dopamin &#8211; und eben Serotonin.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als Versuch und nicht als Ergebnis klarer Forschung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fritze: &#8222;Und warum jetzt das Serotonin ins Spiel gekommen ist, liegt \nwiederum daran, dass im Bem\u00fchen, vertr\u00e4glichere Antidepressiva zu \nentwickeln, die pharmazeutische Industrie gesagt hat: Jetzt fokussieren \nwir mal auf diese Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war kein besonders planvolles Vorgehen, sondern ein Versuch. Ein \nerfolgreicher Versuch, denn die entsprechenden Medikamente sind die \nSSRI. Mit ihnen begann die Karriere des Serotonins als \n&#8222;Depressionsschalter&#8220;. Diese Theorie hatte ihren Charme, allein schon, \nweil sie so einfach war. Wohl zu einfach. Das legt jetzt auch ein \nErgebnis der Universit\u00e4t Cleveland nahe.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pedro Delgado reichte dort Cocktails: Freiwillige Probanden sollten  ein Gemisch aus Aminos\u00e4uren trinken. Das sind die Bausteine, die K\u00f6rper  braucht, um Eiwei\u00dfe aufzubauen. Direkt nach dem ersten Schluck ging es  los. Im K\u00f6rper der Freiwilligen kn\u00fcpfte sich Aminos\u00e4ure an Aminos\u00e4ure,  lange Eiwei\u00df-Ketten entstanden, das Haut- und Haareiwei\u00df Keratin zum  Beispiel. Nur Serotonin war nicht dabei, denn daf\u00fcr braucht der K\u00f6rper  die Aminos\u00e4ure Tryptophan, und die fehlte in dem Gebr\u00e4u. Die  Serotonin-Produktion stockte also und schon f\u00fcnf Stunden nach dem ersten  Schluck ging der Serotonin-Spiegel endg\u00fcltig in den Keller. Was w\u00fcrde  jetzt passieren?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ver\u00e4nderte sich die Stimmung der Testpersonen? <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00fcrde sogar eine Depression ausgel\u00f6st? Die Antwort war: Ja und nein. \nEmpfindlich reagierten Probanden, die schon einmal wegen einer \nDepression in Behandlung waren. Sie gaben tats\u00e4chlich ein Absinken der \nStimmung zu Protokoll, eine Art Depressions-Attacke. Aber nur sie. \nGesunde Probanden sp\u00fcren dagegen nichts. Der Serotoninentzug hatte nicht\n den geringsten Einfluss auf sie. Auch dieses Ergebnisse macht deutlich:\n Die Theorie &#8222;Serotonin hoch &#8211; Depression weg&#8220; ist nicht l\u00e4nger haltbar.\n Und das wirft auch ein anderes Licht auf die Medikamente, die nach \ndieser einfachen Formel funktionieren sollen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lothar Schr\u00f6der ist zum Experten geworden in Sachen Depression. Er \nliest Originalstudien \u00fcber die Wirkung von Antidepressiva. Der gelernte \nMathematiker rechnet statistischen Aussagen \u00fcber ihre Wirksamkeit noch \neinmal durch. Und \u00fcber Nebenwirkungen &#8211; vor allem Suizid. Nach wie vor \nsagen viele Experten: Jugendliche sind gef\u00e4hrdet, Erwachsene nicht.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;F\u00fcr mich ist das reiner Mumpitz. Ich glaube, das macht aus  \u00e4rztlicher Sicht auch \u00fcberhaupt keinen Sinn, zu sagen: Jugendliche und  junge Erwachsene, da besteht ein erh\u00f6htes Risiko und bei \u00e4lteren  Patienten hat das sogar noch einen gegenteiligen Effekt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Und was denken \u00c4rzte \u00fcber solche F\u00e4lle? <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">K\u00f6nnten diese Tabletten mit den Namen Zoloft, Seroxat oder Fluctin  f\u00fcr Suizide bei Erwachsenen verantwortlich sein? Professor J\u00fcrgen  Fritze, Psychiater und gesundheitspolitischer Sprecher der Deutschen  Gesellschaft f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, macht es kurz: &#8222;Bei  Erwachsenen jenseits des 25. Lebensjahres gibt es keine statistischen  Hinweise.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ein anderer Arzt ist vorsichtiger<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Professor Bruno M\u00fcller-Oerlinghausen \nist Psychiater. Und er ist Mitglied der Arzneimittelkommission. Dieses \nGremium hat die Aufgabe, Arzneimittel unabh\u00e4ngig zu bewerten. Die \nArzneimittelkommission sammelt Berichte \u00fcber Nebenwirkungen und sie hat \ndie Aufgabe, \u00c4rzte zu beraten.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wir haben eine ganze Reihe von Publikationen in der \nwissenschaftlichen Literatur, die daf\u00fcr sprechen, dass das Risiko gr\u00f6\u00dfer\n ist bei Erwachsenen bis 25 Jahre und deutlich geringer wird bei \u00e4lteren\n Erwachsenen, aber wir haben in unserer eigenen Arbeitsgruppe F\u00e4lle \ngesammelt, die genau das nicht zeigen. Das Durchschnittsalter \nderjenigen, die hier suizidale Gedanken hatten, lag zwischen 40 und 50.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Antidepressiva und Selbstmord &#8211; offenbar gibt es keine Einigkeit innerhalb der \u00c4rzteschaft. <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber\n es ist interessant, die Entwicklung der Diskussion zu betrachten. Erste\n Berichte \u00fcber ein erh\u00f6htes Suizidrisiko bei Jugendlichen gab es schon \nin den 1990er-Jahren. Sie wurden in der Fachwelt weitgehend ignoriert, \nerst recht von den Pharmaherstellern. Dann, 2004, war die Datenlage so \neindeutig, dass Beh\u00f6rden erstmals offiziell vor der Suizidgefahr bei \nJugendlichen warnten. Mittlerweile haben die Hersteller der SSRIs die \nAltersgrenze f\u00fcr die Nebenwirkung Suizid in der Arzneimittelinformation \nsogar auf 25 Jahre heraufgesetzt. Die Fachgesellschaften warnen jetzt \naber davor, deshalb auf Antidepressiva zu verzichten.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">J\u00fcrgen Fritze: &#8222;Es ist gut, weiter da zu forschen, sprich, der Aufruf\n der Arzneimittelkommission, so wie es vorgeschrieben ist, zu melden, \nwenn bei Erwachsenen unter Antidepressiva suizidale Ph\u00e4nomene auftreten,\n ist gut und richtig. Und jetzt kommt das Aber. Seit einigen Jahren ist \ndie \u00f6ffentliche Wahrnehmung dahingehend gekippt: Lasst die Chemie bei \npsychischen Erkrankungen vom Menschen weg. Es wird also eine bestimmte \nEinstellung, Emotion geweckt. Da kann ich jetzt nur sagen: Sch\u00f6n \nd\u00e4mlich. Denn es werden Chancen dadurch vorenthalten.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chancen, die schwere Erkrankung durch wirksame Medikamente heilen zu k\u00f6nnen? Wirklich heilen?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Sind Antidepressiva wirksam? Ist ihr Nutzen so gro\u00df, dass er die bekannten Risiken \u00fcberwiegt?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die Glasfassade des hochmodernen B\u00fcrogeb\u00e4udes sieht man auf \nBahnd\u00e4mme, Schuttfelder und Industriebrachen. Das Institut f\u00fcr Qualit\u00e4t \nund Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat seinen Sitz in einem \nalten K\u00f6lner Industrieviertel. Strukturwandel nennt man heute solche \nGegens\u00e4tze. Und auch das kurz Iqwig genannte Institut steht f\u00fcr einen \nWandel. Denn es ist die erste \u00f6ffentliche Einrichtung, die Arzneien auf \nihren Nutzen pr\u00fcfen soll. Das Iqwig ist eine Art Medizin-T\u00dcV, unabh\u00e4ngig\n von der Industrie und anderen Lobbygruppen. Labore und Menschen in \nwei\u00dfen Kitteln sucht man im Iqwig vergebens. Denn die Pr\u00fcfungen laufen \nab als reine Datenbankrecherche. Gesucht wird nach s\u00e4mtlichen \nmedizinischen Studien, die weltweit \u00fcber das zu testende Medikament \nverf\u00fcgbar sind. Zurzeit auf dem Pr\u00fcfstand: Antidepressiva.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich habe hier die Datenbank jetzt ge\u00f6ffnet, ich gehe in die \nSuchmaske, die mir erm\u00f6glicht, nach verschiedenen Kriterien diese \nDatenbank zu durchsuchen. Ich kann also nach einem Medikamentennamen \nsuchen, ich kann nach einer Krankheit suchen, ich kann mir Studien \nanzeigen lassen, die abgeschlossen sind und solche, die noch laufen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. Beate Wieseler ist Leiterin des Projekts Antidepressiva. Sie \npr\u00fcft eine neue Gruppe namens SNRI. Die werden zwar nicht so h\u00e4ufig \nverschrieben wie die SSRI. Aber sie heben neben dem Serotonin auch \ngleichzeitig den Spiegel des Botenstoffs Noradrenalin.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich gebe hier jetzt hier zum Beispiel mal den Medikamentennamen \nReboxetin ein. Und die Datenbank zeigt mir, dass 25 Studien zu Reboxetin\n aufgelistet sind, zu den einzelnen Studien ist dann Detailinformation \nenthalten. Und auf Basis dieser Detailinformationen entscheiden wir, ob \ndie Studie geeignet ist, eine Aussage zur Wirkung von Reboxetin zu \nmachen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Theorie k\u00f6nnen die Pharmapr\u00fcfer sich so ein umfassendes Bild \n\u00fcber die Wirkung eines Medikaments verschaffen. Voraussetzung: S\u00e4mtliche\n Studien, die zur Wirksamkeit des Medikaments durchgef\u00fchrt wurden, \nstehen auch tats\u00e4chlich zur Verf\u00fcgung &#8211; auch jene der Hersteller selbst.\n Doch h\u00e4ufig sind diese nicht sehr kooperativ.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieseler: &#8222;Wir hatten ein Medikament, das Reboxitin, wo das ganz \nbesonders problematisch war. Der Hersteller dieses Medikaments, Pfizer, \nhat uns w\u00e4hrend der Bewertung nicht alle Studien zur Verf\u00fcgung gestellt.\n Wir konnten den Nachweis erbringen, dass eine relevante Menge von Daten\n f\u00fcr unsere Bewertung nicht zur Verf\u00fcgung stand.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So gut wie alle Medikamententests, die an freiwilligen Patienten \ndurchgef\u00fchrt werden, sind Studien der Herstellerfirmen: also bezahlt und\n geleitet von Pfizer, Glaxo Smith Kline, Lilly oder anderen. Und diese \nHersteller wollen, dass ihr Medikament ein Verkaufsschlager wird.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieseler: &#8222;Es ist n\u00e4mlich in der Regel so, dass positive Studien,  also solche, die erw\u00fcnschte Wirkungen zeigen, ver\u00f6ffentlicht werden,  w\u00e4hrend negative Studien, also solche, die keine Wirkung zeigen oder  vielleicht sogar unerw\u00fcnschte Wirkung, sp\u00e4ter oder gar nicht  ver\u00f6ffentlicht werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Studien der Pharmaindustrie: L\u00fcgen durch Verschweigen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem ist altbekannt. Und f\u00fcr den Chef des Iqwig, Professor Peter Sawicki ist es schlicht ein Skandal.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Im schlimmsten Fall macht man zehn Studien, bei acht kommt gar \nnichts raus, vielleicht sogar was Negatives und publiziert nur die \nbeiden, wo unter Umst\u00e4nden nur durch Zufall ein positives Ergebnis \nherauskam. Das ist L\u00fcgen durch Verschweigen.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und das alles hat Methode, besonders im Fall der Antidepressiva, wie  im vergangenen Jahr das renommierte Fachblatt &#8222;New England Journal of  Medicine&#8220; aufdeckte. Die Autoren wollten recherchieren, wie gro\u00df die  Auswirkungen dieses Publizierens nach Gutd\u00fcnken wirklich sind. Sie baten  dabei die amerikanische Zulassungsbeh\u00f6rde FDA um Hilfe. Und sie bekamen  \u00fcber die FDA tats\u00e4chlich Zugang zu vielen Studien, die die Hersteller  bisher unter Verschluss gehalten hatten. Jetzt verglichen sie die  Ergebnisse der ver\u00f6ffentlichten und der unver\u00f6ffentlichten  Firmenstudien: 94 Prozent der ver\u00f6ffentlichten Studien bescheinigen den  Produkten, dass sie wirksam sind. Nahm man dagegen ver\u00f6ffentlichte und  unver\u00f6ffentlichte Studien zusammen, sprachen gerade einmal 51 Prozent  der Studien f\u00fcr die Wirksamkeit der Antidepressiva. Mit anderen Worten:  Nur in jeder zweiten Studie, die von den Herstellern selbst durchgef\u00fchrt  wurde, zeigen Antidepressiva \u00fcberhaupt eine nachweisbare Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Antidepressiva sind eine sehr schwach wirksame Substanzgruppe<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bruno M\u00fcller-Oerlinghausen von der \nArzneimittelkommission: &#8222;Antidepressiva sind, wie wir eigentlich schon \nseit l\u00e4ngerer Zeit wussten, aber wozu wir jetzt genauere Zahlen haben, \neine sehr schwach wirksame Substanzgruppe. Kann man nicht vergleichen \nmit Penicillin beim Scharlach oder Haloperidol bei einem erregten \nPsychotiker. Antidepressiva haben schwache Wirkungen. Sie haben \nWirkungen, zumindest bei schwer kranken Patienten, die Wirkung ist aber \nauch ganz schlecht voraussagbar. Wir wissen praktisch nie, ob das \njeweilige Antidepressivum, das wir geben, bei diesem Patienten \nansprechen wird oder nicht. Schon das ist eine sehr unbefriedigende \nSituation.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwach wirksam bedeutet leider nicht, dass auch die Nebenwirkungen schwach sind.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Antidepessiva sind Blockbuster f\u00fcr die Pharmas<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleibt\n die Frage: Warum diese Verkaufszahlen? Warum dieser unaufhaltsame \nAufstieg der Mittel in die Spitzengruppe der weltweit am meisten \nverkauften Medikamente?\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00fcller-Oerlinghausen: &#8222;Die Marketing-Strategien der Hersteller dieser Antidepressiva sind faszinierend wirksam.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele hochrangige \u00c4rzte haben Kontakte zur Industrie, die in ihrem \nAusma\u00df \u00fcber das rein Fachliche hinausgehen. So findet sich in der \nJuni-Ausgabe des Fachblatts &#8222;Der Kassenarzt&#8220; ein Interview mit Professor\n J\u00fcrgen Fritze, Sprecher der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychiatrie und \nPsychotherapie. Dort lobt er die Vorz\u00fcge eines bestimmten, neueren \nWirkstoffs Escitalopram. Am Ende des Textes sind dann die Zeilen zu \nlesen: &#8222;Mit freundlicher Unterst\u00fctzung der Lundbeck GmbH&#8220; &#8211; eine Firma, \ndie Medikamente mit genau diesem Wirkstoff herstellt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Deshalb sei betont: Mir wurde ein Honorar angeboten, ich habe das \nHonorar abgelehnt, bevor ich das Interview gegeben habe&#8220;, sagt J\u00fcrgen \nFritze.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch: Worin besteht sie dann, die &#8222;freundliche Unterst\u00fctzung&#8220;?  M\u00fcller-Oerlinghausen kennt zweifelhafte F\u00e4lle zuhauf: &#8222;Man muss da nicht  gleich von Bestechung oder Korruption sprechen, so ist das nicht, aber  die N\u00e4he vieler einflussreicher Kollegen und Kolleginnen zu der  pharmazeutischen Industrie zeigt ihre Wirkung.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Eine schwache Wirkung ist besser als gar keine Wirkung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die psychiatrischen Fachgesellschaften sehen sich dagegen zu Unrecht \nunter Verdacht und argumentieren: Antidepressiva sind unverzichtbar. \nDenn eine schwache Wirkung ist besser als gar keine.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Psychiater J\u00fcrgen Fritze: &#8222;Ist das Glas halb voll oder ist es \nhalb leer? Die \u00f6ffentliche Meinung meint zunehmend, das Glas ist halb \nvoll. Aber was ist die Alternative?&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich ist der Placeboeffekt bei der Behandlung der Depression \nnachweislich sehr gro\u00df, dass hei\u00dft: Wenn der Patient glaubt, er bekomme \nein wirksames Medikament, ist das allein schon ein wichtiger Baustein \nf\u00fcr die Therapie. Verteufelung ist daher fehl am Platze. Dennoch: Die \nErfolgsbilanz ist d\u00fcrftig. Die offizielle Statistik, die von \u00e4rztlichen \nFachgesellschaften nicht bestritten wird, sagt: Man muss zehn Patienten \nmit Antidepressiva behandeln, um bei einem einen Heilungserfolg zu \nerzielen. Einer von zehn. Eine Information, die kaum ein Patient je von \nseinem Psychiater erh\u00e4lt.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Sawicki vom Iqwig: &#8222;Was ich f\u00fcr bedenklich halte, dass wir uns \nbei der Therapie der Depression vor allem auf Pillen verlassen. Es ist \nja gar nicht gesagt, dass die Pillen da unbedingt die beste L\u00f6sung sind.\n Es k\u00f6nnte auch sein, dass soziale Kontakte f\u00fcr die Menschen von \nBedeutung sind. Es k\u00f6nnte auch sein, dass nichtmedikament\u00f6se \nBehandlungsformen, Massage, dass bestimmte Verhaltensweisen eine Rolle \nspielen, Musik, wei\u00df ich nicht. Also es sind viele Dinge vorstellbar, \nmit denen man kein Geld verdienen kann oder zumindest nicht viel.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht bekommt die Diskussion um Antidepressiva in K\u00fcrze eine \nWendung. Denn das Iqwig soll den Nutzen der SSRI untersuchen. Wann genau\n der Bericht herauskommt, ist noch offen. Seine Tragweite wird aber gro\u00df\n sein. Denn sollte der Nutzen dieser am h\u00e4ufigsten verschriebenen \nAntidepressiva aus Sicht des Iqwig nicht belegt sein, k\u00f6nnten die \nKrankenkassen die Weisung bekommen, sie aus dem Leistungskatalog zu \nstreichen. Das w\u00e4re ein Anlass, \u00fcber Alternativen nachzudenken.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alternativen, wie auch Lothar Schr\u00f6der fordert: &#8222;Man sollte  \u00fcberlegen, ob es neben der Medikation auch noch eine weitere  Behandlungsm\u00f6glichkeit gibt, vielleicht dann eher die Psychotherapie  verst\u00e4rken. Und wenn man sich doch entscheidet, ein Medikament zu  nehmen, dann sollte der Patient verdammt noch mal \u00fcber alle Risiken  aufgekl\u00e4rt werden und auch die Angeh\u00f6rigen und es sollten s\u00e4mtliche  Vorsichtsma\u00dfnahmen getroffen werden, um diese gravierenden  Nebenwirkungen zu verhindern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der vierte Herbst, seit Monika Kranz tot ist<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Was bleibt ist die Hoffnung, dass irgendwann<br>Ich zu mir finden und froh sein kann.<br>Ich bleibe liegen, weil ich nicht mag.<br>Heute ist wieder ein Schattentag.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Depression trifft Menschen, bei denen es unausweichlich scheint: ungl\u00fcckliche Kindheit, Beziehungsprobleme, Stress. Und sie trifft andere. Fast jeder f\u00fcnfte Deutsche leidet zumindest einmal im Leben unter einer Depression. 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