{"id":4031,"date":"2020-02-20T10:27:33","date_gmt":"2020-02-20T09:27:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=4031"},"modified":"2020-04-06T10:13:53","modified_gmt":"2020-04-06T08:13:53","slug":"chemische-gewalt-zehntausende-senioren-mit-pillen-ruhig-gestellt","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/fakten-widerreden\/arzneimittel\/chemische-gewalt-zehntausende-senioren-mit-pillen-ruhig-gestellt\/","title":{"rendered":"Chemische Gewalt: Zehntausende Senioren mit Pillen ruhig gestellt"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Chemische Gewalt&#8220;: Fast eine Viertelmillion Demenzkranke bekommen \nPsychopharmaka, um sie ruhig zu stellen \u2013 das spart Geld und Personal.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr Moser macht viel zu viel Arbeit. Das haben \ndie Pfleger im Altenheim seinen Verwandten schon h\u00e4ufig gesagt. Anstatt \nzu schlafen, laufe er nachts \u00fcber die G\u00e4nge, meist mit einem Urinfleck \nin der Hose. Er halte laute Monologe und wecke seine Zimmernachbarn. \nTags\u00fcber bedr\u00e4nge er h\u00e4ufiger die weiblichen Bewohnerinnen der Station, \nmanchmal auch die Pflegerinnen, mit sexuellen Anspielungen. Herr Moser \nbrauchte eigentlich einen Pfleger nur f\u00fcr sich, der rund um die Uhr f\u00fcr \nihn da ist, ihm die Hosen wechselt und mit ihm spazieren geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit dem vergangenen Sp\u00e4tsommer ist etwas anders \nmit dem alten Mann, der in einem Heim einer gro\u00dfen Pflegekette lebt. \nSeither wechselt sein Zustand von einem Tag auf den anderen. Wie alle \nBetroffenen in diesem Text hei\u00dft Herr Moser in Wirklichkeit anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWenn wir meinen Vater besuchen, guckt er oft nur \nnoch durch mich durch\u201c, sagt seine Tochter. Er h\u00e4nge apathisch in seinem\n Rollstuhl, die Arme schwer und leblos wie die einer Puppe, mit \nh\u00e4ngendem Unterkiefer. Selbst wenn man an seinen Schultern r\u00fcttle, \nreagiere er nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sein Enkel, selbst Altenpfleger, den Gro\u00dfvater  zum ersten Mal in diesem Zustand sah, sagte er zu seiner Mutter: \u201eDer  Opa ist mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt.\u201c Auf die Frage, was sie ihm  gegeben habe, sagte die diensthabende Pflegerin: \u201eDer ist nur m\u00fcde.  Nachts schl\u00e4ft er ja nicht, irgendwann holt sich der K\u00f6rper eben den  Schlaf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Demenzkranke sind die idealen Opfer<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endg\u00fcltig hellh\u00f6rig wurden die Verwandten, als das Heim ank\u00fcndigte, \nf\u00fcr den alten Herrn Moser die h\u00f6chste Pflegestufe beantragen zu wollen, \nStufe 3. Schlie\u00dflich k\u00f6nne er gar nichts mehr allein machen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demenzkranke Altenheimbewohner sind die idealen Opfer. Zu schwach, um\n sich zu wehren, zu verwirrt, um von unabh\u00e4ngigen Dritten ernst genommen\n zu werden, wenn sie sich beschweren. Die Angeh\u00f6rigen oft zu weit weg, \nzu besch\u00e4ftigt, um sich f\u00fcr sie einzusetzen. Ein Rohstoff, aus dem sich \nim deutschen Pflegesystem mit illegalen Methoden sehr viel Geld \nabsch\u00f6pfen l\u00e4sst.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Beispiel indem man demenzkranken Heimbewohnern reihenweise starke\n Psychopharmaka verabreicht und sie damit so ruhigstellt, dass weniger \nPersonal f\u00fcr ihre Pflege gebraucht wird. Davon profitiert &#8211; so ganz \nnebenbei &#8211; auch die Pharmaindustrie.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Zentrum f\u00fcr Sozialpolitik an der Universit\u00e4t Bremen hat f\u00fcr die \n\u201eMorgenpost Online\u201c berechnet, dass in Deutschland knapp 240.000 \nDemenzkranke zu Unrecht mit Psychopharmaka behandelt werden.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn diesen F\u00e4llen werden die Medikamente nicht verschrieben, um die \nLeiden der Patienten zu mindern oder ihre Krankheiten wirksam zu \nbehandeln, sondern um Personal einzusparen und den Heimbetreibern h\u00f6here\n Gewinne zu bescheren\u201c, sagt Professor Gerd Glaeske, der sich seit \nJahren mit dem Thema besch\u00e4ftigt. \u201eWir haben hier ein fl\u00e4chendeckendes \nProblem.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den bundesweit 1,1 Millionen Demenzpatienten w\u00fcrden knapp 360.000\n mit Neuroleptika behandelt. Studien im Auftrag des britischen \nDepartment of Health h\u00e4tten ergeben, dass in zwei von drei F\u00e4llen die \nMedikamente zu Unrecht verordnet wurden und sich durch eine bessere \nBetreuung der Betroffenen h\u00e4tten vermeiden lassen. Die Zahlen lie\u00dfen \nsich problemlos auf Deutschland \u00fcbertragen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glaeske ist ein Mann klarer Worte. Das Ruhigstellen mit Medikamenten  nennt er \u201echemische Gewalt\u201c . Andere Wissenschaftler sprechen von  \u201emedikament\u00f6ser Fixierung\u201c: Ob man den Alten mit einem Gurt am Bett  festbinde oder ihn mit Drogen dazu bringe, dass er sich nicht mehr  bewege und still sei, mache keinen Unterschied. Der Bonner Professor f\u00fcr  Psychiatrie und Gerontologie Rolf D. Hirsch, der sich intensiv mit dem  Problem der Gewalt gegen alte Menschen besch\u00e4ftigt, best\u00e4tigt: \u201eDas  Problem, dass es in vielen Heimen eine bundesweite \u00dcbermedikation mit  Psychopharmaka gibt, kennen wir seit Jahren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Leichtes Spiel f\u00fcr Betr\u00fcger<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum \u00f6ffentlich bekannt ist dagegen, dass einige Heime offenbar die \nSenioren gezielt mit Medikamenten behandeln, um doppelt abzukassieren: \nErst verabreichen sie Psychopharmaka und sparen am Personalaufwand. Dann\n beantragen sie beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK),\n den Senior \u2013 der nun ein echter Pflegefall ist \u2013 in eine h\u00f6here \nPflegestufe einzuordnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pro Jahr und Patient geht es dabei um mehrere Tausend Euro. So \nbezahlt beispielsweise im Berliner Heim einer bundesweiten Kette ein \nBewohner in Pflegestufe 2 pro Monat 1755 Euro, viele erhalten dabei \nUnterst\u00fctzung vom Sozialamt. Zus\u00e4tzlich zahlt die Kasse maximal 1279 \nEuro, macht 3034 Euro pro Monat. In Pflegestufe 3 dagegen zahlen \nBewohner oder Sozialamt 1860 Euro, dazu kommen bis zu 1550 Euro \nKassenzuschuss, macht zusammen 3410 Euro Einnahmen f\u00fcrs Heim.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Differenz von fast 400 Euro, von der das Heim zus\u00e4tzliche \nPfleger einstellen m\u00fcsste. Doch die existieren in der Realit\u00e4t oft \nnicht. Sie werden ja auch nicht gebraucht, wenn der Demente unter \nDrogeneinfluss weniger Arbeit macht. \u201eSolche F\u00e4lle gibt es immer \nwieder\u201c, sagt Psychiater Hirsch, dessen Verein \u201eHandeln statt \nMisshandeln\u201c Pflegebed\u00fcrftige und ihre Angeh\u00f6rigen \u00fcber ein \nNotruftelefon ber\u00e4t.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pr\u00fcfer des MDK hinterfragten bei den Begutachtungsterminen den \nUmgang mit Beruhigungsmitteln kaum, sagt er. Wenn im Dokumentationsbogen\n kein solches Medikament auftauche, dann glaube der MDK das eben. \u201eWer \nbetr\u00fcgen will, f\u00fcr den ist es kein Problem\u201c, sagt Hirsch.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob Patienten ruhiggestellt werden, h\u00e4ngt vom diensthabenden Pfleger \nab. Die Verantwortlichen setzen laut Experten auf die Unwissenheit der \nAngeh\u00f6rigen. Ein Demenzkranker hat in der Regel einen rechtlichen \nBetreuer, meist Ehepartner oder Kind, der alle Entscheidungen trifft und\n die Verantwortung tr\u00e4gt. \u00dcber jedes verschreibungspflichtige Medikament\n muss der Betreuer aufgekl\u00e4rt werden.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich geschehe das oft nicht, sagt Heimrechtsexperte Thomas \nKlie von der Evangelischen Hochschule Freiburg. Der Jurist dr\u00fcckt es so \naus: \u201eEs herrscht eine gro\u00dfe Diskrepanz zwischen Rechtsnorm und Praxis.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ruhigstellen ohne Genehmigung ist nicht nur ungesetzlich, sondern\n auch gef\u00e4hrlich. Mehrere Studien belegen, dass Neuroleptika, eine \nGruppe innerhalb der Psychopharmaka, die besonders d\u00e4mpfend wirken, bei \nDementen Herzinfarkte, schwerwiegende Infektionen wie Lungenentz\u00fcndungen\n oder Schlaganf\u00e4lle hervorrufen k\u00f6nnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die US-Gesundheitsbeh\u00f6rde FDA warnte vor sechs Jahren, dass \u00e4ltere \nDemenzkranke, die Neuroleptika einnahmen, eine deutlich h\u00f6here \nSterblichkeitsrate aufwiesen als eine Kontrollgruppe. Dennoch werden die\n Mittel oft \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume und ohne regelm\u00e4\u00dfige \u00e4rztliche \n\u00dcberwachung verabreicht. Dabei sind Neuroleptika vor allem f\u00fcr die \nBehandlung akuter Psychosen geeignet.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich gibt es auch Demenzkranke, denen Psychopharmaka helfen, \netwa weil die Betroffenen gleichzeitig an Depressionen leiden und so von\n ihren Angstzust\u00e4nden befreit werden. Doch bei vielen Patienten sind die\n Risiken weit gr\u00f6\u00dfer als der Nutzen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zahl der Ruhiggestellten steigt unaufhaltsam. Weil die Menschen \nin Deutschland immer \u00e4lter werden und sich das Budget der \nPflegeversicherung damit auf immer mehr K\u00f6pfe verteilen muss, steigt der\n Anteil der \u00fcber 90-J\u00e4hrigen in den Heimen. Bei ihnen wiederum ist die \nWahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung weit h\u00f6her als bei j\u00fcngeren.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut Studien des Bremer Forschungsteams um Glaeske sind etwa 60 \nProzent der rund 400.000 Heimbewohner in Deutschland dement. Mit ihrer \nZahl steigen auch die Ausgaben. \u201eEin Demenzpatient, richtig therapiert \nund von gen\u00fcgend Fachpersonal versorgt, w\u00fcrde das deutsche \nGesundheitssystem 45.000 Euro pro Jahr kosten\u201c, sagt Glaeske.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter diesen Zahlen stehen menschliche Dramen. Zum Beispiel das von \nFrau W. und ihrer Mutter. Die Tochter hat mehr als ein Jahrzehnt lang \ndie Krankengeschichte ihrer Mutter dokumentiert. Zu ihrem Archiv geh\u00f6rt \neine zweiseitige, klein gedruckte Liste, auf der steht, welche \nMedikamente ihre Mutter f\u00fcnf Jahre lang bekommen hat.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufz\u00e4hlung liest sich wie die Inhaltsangabe des  Medikamentenschranks f\u00fcr eine ganze Krankenstation: \u00dcber den Zeitraum  von drei Jahren bekam die Mutter 35 verschiedene Mittel, davon 30-mal  Psychopharmaka, mehr als ein Dutzend verschiedene Pr\u00e4parate. Frau W.  erinnert sich noch gut daran, wie sie eine Pflegerin im Heim vor ein  paar Jahren fragte, warum dort so viele Psychopharmaka verschrieben  w\u00fcrden. Die Antwort: \u201eNa, in erster Linie nat\u00fcrlich, um uns die Arbeit  zu erleichtern, und in zweiter Linie, um Ruhe auf der Station  herzustellen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Pfleger sind restlos \u00fcberfordert<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man Einblick \u00fcber die Behandlungspraxis in manchen Heimen und \nKrankenstationen bekommen will, sind Internetforen wie \nKrankenschwester.de oder Pflegeboard.de hilfreich \u2013 auch wenn sie nicht \nrepr\u00e4sentativ sind. User \u201eAnne77\u201c schreibt: \u201eZur Zeit stellen unsere \n\u00c4rzte renitente Patienten mit Paracefan ruhig. F\u00fcr mich ehrlich gesagt \nerleichternd, da ich nun keinen Fluchtversuch bef\u00fcrchten muss sowie \nHandgreiflichkeiten. (\u2026) Wie ist das bei euch? Medikament\u00f6s ruhigstellen\n oder eher Fixierung?\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Nutzer antwortet, in seinem Haus werde die Ruhigstellung \n(Sedierung) stets mit einer Fixierung des Patienten in seinem Bett \nkombiniert. In einem anderen Beitrag fragt Nutzer \u201ePatmuc\u201c: \u201eGibt es \nnoch den Cocktail aus Dipi und Haldol, der jeden Nachtdienst froh \nmacht?\u201c Eine Nutzerin antwortet: \u201eIn dem Altenheim, wo ich war, hie\u00df das\n Zauberwort Tavor.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im klammen deutschen Gesundheitswesen ist die Personaldecke vieler \nHeime auf Kante gen\u00e4ht. Der Altenpflegejob zerrt an den Nerven. Laut \neiner Studie sind 42 Prozent aller Pfleger mehrmals am Tag mit \n\u201eherausforderndem Verhalten\u201c der Pflegebed\u00fcrftigen konfrontiert. Um sich\n zu helfen, verabreichten manche Pfleger Beruhigungsmittel ohne \nVerschreibung, erkl\u00e4rt Professor Hirsch.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie g\u00e4ben den Senioren zum Beispiel Pillen, die von Verstorbenen \n\u00fcbrig sind, und dokumentierten dies nicht in der Patientenakte. Viel \nh\u00e4ufiger aber rufen sie den Hausarzt oder Neurologen, schildern ihm ihre\n Sicht der Lage \u2013 dass Herr Schmitz unter schlimmen Angstzust\u00e4nden \nleidet oder Frau M\u00fcller nachts einfach nicht zur Ruhe kommt \u2013 und lassen\n den Heimbewohnern immer neue Mittel verschreiben.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In M\u00f6nchengladbach ver\u00f6ffentlichte die st\u00e4dtische Sozial Holding, die\n sechs Heime betreibt, im Herbst 2011 eine Studie, die in der Branche \nf\u00fcr Aufsehen gesorgt hat. Demnach bekamen die 617 Bewohner in einem \nMonat zusammen Medikamente f\u00fcr 5000 Euro verschrieben, die f\u00fcr \u00e4ltere \nPatienten als bedenklich gelten. Im Durchschnitt bekamen die Bewohner \nmehr als acht verschiedene Mittel t\u00e4glich, besonders oft Psychopharmaka.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine wahnwitzige Verschwendung der Pflegekassen sei das, sagt der \nGesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Sozial Holding, Helmut Wallrafen-Dreisow: \u201eEs kann \ndoch nicht sein, dass wir seit Jahrzehnten f\u00fcr eine Verbesserung der \nPersonalschl\u00fcssel k\u00e4mpfen und auf der anderen Seite sinnlose, \nkostenintensive und teilweise gesundheitsgef\u00e4hrdende Medikamente \nverordnet und verabreicht werden.\u201c F\u00fcr ihn sind letztlich die Kassen \nverantwortlich, die Verschreibungen kaum kontrollierten.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Sozialforscher Glaeske kritisiert die mangelnde Kontrolle: \u201eDie  Pfleger m\u00fcssen von den \u00fcberlasteten Pflegekassen bezahlt werden, die  Medikamente dagegen von den Krankenkassen. Die massenhafte Sedierung ist  letztendlich eine Kostenverschiebung von einem Sozialsystem ins  andere.\u201c Die Hauptverantwortung liege jedoch bei den in den Heimen  behandelnden \u00c4rzten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Wissenschaftler spricht von einer \u201everh\u00e4ngnisvollen Komplizenschaft\u201c. <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie \u00c4rzte sehen die Not der Pfleger, manchmal auch die der \nAngeh\u00f6rigen, die mit dem eigenen Vater nicht mehr fertig werden, und \nentwickeln daraus eine Legitimation f\u00fcr ihr Handeln.\u201c Gerade in \nl\u00e4ndlichen Gegenden mit \u00c4rztemangel ist oft ein Neurologe f\u00fcr alle \nAltenheime im Landkreis zust\u00e4ndig.<br>Das kann sich f\u00fcr den Arzt lohnen:\n In einem Pflegeheim sitzen viele Patienten auf einem Fleck, man kann in\n kurzer Zeit viele Menschen behandeln und bei der Kasse abrechnen. Wer \nsich mit dem Heimpersonal gut stellt, wird beim n\u00e4chsten Mal wieder \nangerufen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das offenbart eine Schwachstelle im deutschen Gesundheitssystem : \n\u00c4rzten, die Psychopharmaka als Gef\u00e4lligkeit f\u00fcr das Heim massenweise \nverschreiben, das Handwerk zu legen ist fast unm\u00f6glich.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erz\u00e4hlt der Leiter einer Heimaufsicht in S\u00fcddeutschland, der \nanonym bleiben will: \u201eIch habe schon einige Male versucht, gegen \u00c4rzte \nvorzugehen, weil sie f\u00fcr die falsche Indikation Psychopharmaka \nverschrieben haben \u2013 ganz offensichtlich, um dem Heim einen Gefallen zu \ntun. Das Problem ist: Wir von der Heimaufsicht haben selbst keine \nHandhabe gegen sie.\u201c Die Kontrolle von \u00c4rzten, erkl\u00e4rt er, obliege dem \nGesundheitsamt. \u201eAber versuchen Sie mal, da einen Amtsarzt zu finden, \nder einen Berufskollegen abmahnt. Bei den \u00c4rzten gilt: Eine Kr\u00e4he hackt \nder anderen kein Auge aus.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau Stevens singt, textsicher, Heino. \u201eSie war das allersch\u00f6nste \nKind, das man in Polen find, aber nein, aber nein, sprach sie, ich k\u00fcsse\n nie.\u201c In ihrer Hand wiegt sie im Takt eine gl\u00e4serne Teetasse, \nzwischendurch tuschelt sie mit ihrer Tochter, die neben ihr sitzt. Frau \nStevens l\u00e4chelt viel an diesem Tag. Am Schluss klatscht sie im Takt in \ndie H\u00e4nde. \u201eWir machen durch bis morgen fr\u00fch und singen Bumms-Fallera.\u201c \nDann endet die letzte Videoaufzeichnung, die von Mathilde Stevens \nexistiert.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Video wurde am 25. Oktober 2005 gedreht, und die Frau, die darauf  zu sehen ist, h\u00e4tte es so nicht geben d\u00fcrfen. Denn nur wenige Wochen  zuvor hatte ihr der MDK bescheinigt, ein kompletter Pflegefall zu sein:  unf\u00e4hig, sich selbst zu waschen oder selbst zu essen und zu trinken.  Pflegestufe 3.<br>Tats\u00e4chlich war Mathilde Stevens am 26. Juli, als die  Pr\u00fcferin in ihr Seniorenheim kam, eine andere Frau: Die alte Dame hing  an diesem Tag schief im Rollstuhl, konnte ihre Arme nicht heben oder  ihren Namen nennen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Pharmafirmen sponsern Patientenorganisationen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Tochter Frau T., die beim Begutachtungstermin\n dabei war, erkannte ihre Mutter nicht wieder. \u201eEs war, als h\u00e4tte jemand\n das Licht ausgeknipst\u201c, sagt sie. Das habe sie der Pr\u00fcferin vom MDK \nauch gesagt \u2013 doch die habe erwidert: \u201eIch glaube Ihnen, aber so, wie \nich Ihre Mutter heute antreffe, kann ich gar nicht anders entscheiden, \nals sie in Pflegestufe 3 einzuordnen.\u201c Frau T. sagt, sie habe nicht \nanders gekonnt, als zuzustimmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie und ihre Schwester haben sich, Jahre nach dem \nTod der Mutter, zu einem Treffen mit der \u201eMorgenpost Online\u201c bereit \nerkl\u00e4rt. Sie sitzen gemeinsam mit weiteren Angeh\u00f6rigen mittlerweile \nverstorbener Heimbewohner in einer Gastst\u00e4tte in einem Vorort von \nBremen. Organisiert hat die Zusammenkunft Frau W., die \u00fcber die \nMedikamentengeschichte ihrer Mutter so akribisch Buch gef\u00fchrt hat. Die \nGruppe eint der ehemalige Wohnort ihrer M\u00fctter und Ehem\u00e4nner: das Haus \n\u201eAm Brunnen\u201c der Senioren Wohnpark Weser GmbH im nieders\u00e4chsischen \nStuhr-Brinkum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau T. erz\u00e4hlt, ihre Mutter sei in den ersten \nJahren im Wohnpark noch relativ fit gewesen. Eines Tages jedoch habe das\n Heim bei der Kasse eine h\u00f6here Pflegestufe f\u00fcr die Mutter beantragt \u2013 \nim Namen von Frau T.s Schwester, obwohl Frau T. zust\u00e4ndig gewesen w\u00e4re. \nVom Einstufungstermin, den der MDK wenig sp\u00e4ter ansetzte, erfuhren die \nSchwestern zu sp\u00e4t. Nach einigem Hin und Her erreichte Frau T. \nschlie\u00dflich einen zweiten Pr\u00fcftermin \u2013 den, bei dem die Mutter v\u00f6llig \nzugedr\u00f6hnt gewesen sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den T\u00f6chtern reifte ein Verdacht: Jahre zuvor \nhatte ihre Mutter das Beruhigungsmittel Diazepam \u2013 Laien vor allem unter\n dem Produktnamen Valium bekannt \u2013 verordnet bekommen, als \n\u201eBedarfsmedikation\u201c. Bei diesen Mitteln kann der Pfleger entscheiden, \nwann sie gegeben werden. Zum Beispiel wenn der Patient akute \nAngstzust\u00e4nde hat. Experten wie Hirsch vermuten, dass \nBedarfsmedikationen h\u00e4ufig zur Ruhigstellung missbraucht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau T. sagt, sie sei sich sicher, dass ihrer  Mutter vor dem MDK-Termin Diazepam verabreicht wurde. Denn bei einer  anderen Gelegenheit habe eine Pflegerin zu ihr gesagt: \u201eWir brauchen  mehr Bewohner in Pflegestufe 3, dann bekommen wir bald mehr Personal.\u201c  Und: Der MDK stellte bei beiden Terminen zur H\u00f6herstufung fest, dass  jeweils Diazepam-Z\u00e4pfchen aus Frau Stevens\u2019 Medikamentenliste fehlten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Obwohl solche F\u00e4lle laut Experten in Deutschland allt\u00e4glich sind, haben sie fast nie strafrechtliche Konsequenzen. <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erfolgsaussichten sind einfach zu gering. In \nBerlin etwa schaltete der lokale Krankenkassenverband (heute VdeK) vor \nf\u00fcnf Jahren die Staatsanwaltschaft ein, weil Pfleger eines Heims einer \nBewohnerin absichtlich Beruhigungsmittel verabreicht haben sollen, um \nsie ruhigzustellen, und das Heim dann eine h\u00f6here Pflegestufe \nbeantragte. Die Ermittlungen wurden ohne Ergebnis eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Fall von Frau Stevens erreichte die Tochter bei\n der Heimaufsicht, dass die Pflegestufe ein drittes Mal \u00fcberpr\u00fcft wurde \u2013\n diesmal, ohne dass sich der MDK wie sonst \u00fcblich vorher anmeldete. Das \nErgebnis: Die Mutter wurde in Pflegestufe 2 zur\u00fcckgestuft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Haus \u201eAm Brunnen\u201c und die Senioren Wohnpark \nWeser GmbH geh\u00f6ren zur Residenz-Gruppe Bremen. Der Gr\u00fcnder und \ngesch\u00e4ftsf\u00fchrende Gesellschafter Rolf Specht ist einer der bekanntesten \nUnternehmer in der Region und ein wichtiger Arbeitgeber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Gruppe hat rund 1100 Mitarbeiter und ist \neine der 20 gr\u00f6\u00dften Pflegeketten Deutschlands. Im Gegensatz zu vielen \nanderen Pflegemanagern spricht Specht mit der Presse. Gemeinsam mit \nseiner Sprecherin, seinem Konzerngesch\u00e4ftsf\u00fchrer Christian Nitsche und \ndem Heimleiter empf\u00e4ngt er die \u201eMorgenpost Online\u201c im Heim in \nStuhr-Brinkum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Vorwurf im Fall von Frau Stevens widersprechen\n die Manager entschieden. Nitsche sagt, dass \u00fcber eine H\u00f6herstufung \nnicht ein einzelner Begutachtungstag entscheide, sondern eine \nDokumentation \u00fcber mehrere Monate. Medikamente w\u00fcrden nie mit dem Ziel \neiner H\u00f6herstufung gegeben, sondern stets aus \u201epflegerisch oder \nmedizinisch indizierten Gr\u00fcnden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gebe in der Pflege nun einmal F\u00e4lle, in denen  es den Menschen in Wellenbewegungen mal schlechter gehe und dann wieder  etwas besser. Daraus einen Vorwurf abzuleiten werde der Pflege in der  Einrichtung nicht gerecht. Was der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer keinesfalls auf sich  beruhen lassen will, ist der Vorwurf, die Patientin sei gezielt au\u00dfer  Gefecht gesetzt worden, um die H\u00f6herstufung zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u201eEin solches Vorgehen w\u00e4re ungesetzlich und ethisch undenkbar.\u201c <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es erg\u00e4be auch logisch keinen Sinn: \u201eDie \ndokumentierte Pflegebed\u00fcrftigkeit reicht in der Regel f\u00fcr eine \nerfolgreiche H\u00f6herstufung aus. Die Schaffung strafbarkeitsrelevanter \nSachverhalte mit einem gro\u00dfen Kreis von Mitt\u00e4tern und Mitwissern stehen \nin keinem Verh\u00e4ltnis zu dem hierdurch verursachten Schaden in der \nReputation des Unternehmens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau T. entgegnet darauf sp\u00e4ter: Die Tatsache, \ndass ihrem Widerspruch stattgegeben wurde \u2013 was Dokumente belegen \u2013, sei\n Beweis genug. Der MDK habe sogar die R\u00fcckstufung dringend empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Frage, ob nicht schon das Ruhigstellen \ndemenzkranker Bewohner mit Medikamenten allein schlimm genug sei, \nsch\u00fctteln die drei M\u00e4nner und die Pressesprecherin entschieden die \nK\u00f6pfe. \u201eBei uns kommt das nicht vor\u201c, sagt der Heimleiter. Was \nverschrieben werde, liege allein in der Hand des behandelnden Arztes. \nGleichwohl r\u00e4umt Nitsche ein: \u201eDort, wo Menschen arbeiten, geschehen \nFehler \u2013 es ist unsere Aufgabe, diese Beschwerden ernst zu nehmen und \nden erhobenen Vorw\u00fcrfen nachzugehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Liste der Mittel, die auf deutschen Demenzstationen tagt\u00e4glich in die Pillenboxen kommen, ist lang:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melperon, Pipamperon und Diazepam geh\u00f6ren zu den  am h\u00e4ufigsten verschriebenen Medikamenten. Zwei Produktnamen fallen  jedoch besonders h\u00e4ufig im Gespr\u00e4ch mit Pflegeexperten: Haldol und  Risperidon.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Beides sind offenbar f\u00fcr Senioren problematische Stoffe: <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfang 2011 erstellte eine Forschergruppe der \nUniversit\u00e4t Witten\/Herdecke eine Liste mit einer \u00dcbersicht, auf welche \nMedikamente alte Menschen empfindlicher reagieren als j\u00fcngere. Die \nVerfasser der sogenannten Priscus-Liste wollten \u00c4rzten eine Anleitung an\n die Hand geben, an der sie sich bei Verschreibungen in Altenheimen \norientieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort ist zum Beispiel zu lesen, dass der Wirkstoff\n Haloperidol, der in Haldol steckt, bei \u00e4lteren Patienten schon in \n\u00fcblichen Dosierungen heftige Nebenwirkungen ausl\u00f6sen kann: Die \nsedierende Wirkung kann zu St\u00fcrzen und damit H\u00fcftbr\u00fcchen f\u00fchren, die \nMotorik wird stark beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wirkstoff ist seit den 70er-Jahren auf dem \nMarkt. Entwickelt hat ihn Janssen-Cilag, eine Tochter des \nUS-Pharmakonzerns Johnson &amp; Johnson, und laut aktuellem \nArzneimittelverordnungsreport stammte fast die H\u00e4lfte aller 2010 \nverordneten Einheiten vom Original-Hersteller.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch h\u00e4ufiger wird heute die Nachfolgesubstanz \nRisperidon \u2013 Produktname Risperdal \u2013 verordnet, ebenfalls hergestellt \nvon Janssen-Cilag. Sie ist weit teurer, soll aber Pharmakritikern \nzufolge keinerlei Zusatznutzen bringen. Eine t\u00e4gliche Dosis Risperdal \nkostet die Kassen allerdings 14,14 Euro, die Tagesdosis Haldol nur 62 \nCent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich sind beide Mittel f\u00fcr Schizophrene und \nPatienten mit schweren Psychosen entwickelt worden. Mittlerweile, \nbehauptet ein ehemaliger Vertriebsmitarbeiter des Unternehmens im \nnordrhein-westf\u00e4lischen Neuss, soll Janssen-Cilag aber einen gro\u00dfen Teil\n seines Haldol- und Risperdal-Umsatzes \u2013 rund 4,8 Millionen Euro \ninsgesamt \u2013 mit pflegebed\u00fcrftigen Senioren erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Unternehmen teilt mit, ein Pharmahersteller \nk\u00f6nne keinen Einfluss darauf nehmen, f\u00fcr welche Indikation ein Arzt ein \nMedikament verschreibe. Janssen-Cilag weise die \u00c4rzte jedoch darauf hin,\n dass die Verschreibung bei Demenzkranken ein gewisses Risiko berge. \nTats\u00e4chlich steht im erweiterten Beipackzettel, den \u00c4rzte bekommen, ein \nAbsatz mit der \u00dcberschrift \u201eErh\u00f6hte Mortalit\u00e4t bei \u00e4lteren Menschen mit \nDemenz-Erkrankungen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Mutter von Frau W. bekam vor ein paar  Jahren Haldol verschrieben, und die Tochter sagt heute, die Mutter w\u00e4re  daran fast gestorben. \u201eTotaler Zusammenbruch\u201c, erinnert sie sich. Die  Zahl der Patienten, deren Tod durch Psychopharmaka beschleunigt wird,  kennt niemand. Im Altenheim, sagen Pharmakritiker wie der emeritierte  Bremer Arzt Peter Sch\u00f6nh\u00f6fer, der sich bei Transparency International  engagiert, werde meist nicht sehr genau auf die Todesursache geachtet.  \u201eDas gilt insbesondere, wenn der Tod als Erl\u00f6sung von einem langen  Leiden erscheint.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) weist f\u00fcr seine Mitglieder jede Verantwortung von sich. <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e\u00dcber den Einsatz verschreibungspflichtiger \nMedikamente im konkreten Einzelfall entscheidet der jeweilige Arzt. \nDiesen kann und darf ein Pharmaunternehmen nicht beeinflussen\u201c, sagt \nvfa-Referent Rolf H\u00f6mke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Experten bezweifeln jedoch, dass die Industrie den\n Einsatz von Psychopharmaka bei Demenzkranken tats\u00e4chlich so entschieden\n ablehnt. Kritiker Sch\u00f6nh\u00f6fer sagt, dass zum Beispiel Neurologen, die \nviele Altenheime betreuen, h\u00e4ufig Besuch von den Herstellern \neinschl\u00e4giger Psychopharmaka bekommen. \u201eNat\u00fcrlich wissen auch die \nPharmavertreter, dass die Mittel zum Sedieren eingesetzt werden\u201c, sagt \ner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Dreiecksbeziehung Pharmavertreter, Arzt und\n Altenheimbetreiber werde das Ph\u00e4nomen sch\u00f6ngeredet. \u201eMan \u00fcberzeugt sich\n gegenseitig, dass alle Seiten vom Ruhigstellen profitieren.\u201c Das \nbest\u00e4tigt auch ein Pharmareferent, der lange im Bereich geriatrischer \nPr\u00e4parate gearbeitet hat: \u201eEs gibt einige \u00c4rzte, die sind in ihrem \nLandkreis kleine F\u00fcrsten und haben quasi ein Monopol bei den Heimen. An \ndie wollen die Pharmafirmen nat\u00fcrlich ran.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle medizinischen Fachbereiche, die einen hohen \nAnteil an alten Patienten behandeln, sind interessant f\u00fcr die \nPharmakonzerne. Wer alt ist, schluckt viele Pillen. Laut einer \nAuswertung des GKV-Spitzenverbandes entfielen 2010 vom gesamten \nFertigarzneimarkt 44 Prozent auf Versicherte ab 65 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Monaten machte in der \u00c4rzteschaft ein \nEintrag im Internetblog Gesundheit.blogger.de die Runde, dessen anonymer\n Verfasser zum ersten Mal die Abh\u00e4ngigkeiten in der Psychiatrie unter \ndie Lupe nahm. Anlass war die \u201eDemenz-Leitlinie\u201c der beiden \nneuropsychiatrischen Fachgesellschaften DGPPN und DGN.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Papier, das Neurologen als \nBehandlungsanleitung dienen soll, spricht sich deutlich f\u00fcr \nAntidementiva aus \u2013 umstrittene starke Medikamente, die von der \nHaus\u00e4rzte-Fachgesellschaft Degam kritisch beurteilt werden. Alle 68 \nUnterzeichner der Richtlinie gaben an, in keiner Weise von der \nPharmaindustrie abh\u00e4ngig zu sein. Der Blogger mit dem Pseudonym \nHockeystick pr\u00fcfte dies mit einer einfachen Google-Suche nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ergebnis: 29 der Experten hatten sich mindestens \neinmal von einem Pharmaunternehmen f\u00fcr einen Marketingauftritt bezahlen \nlassen, h\u00e4ufig sogar von Antidementiva-Herstellern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch Patientenorganisationen seien vor \nEinflussnahmen nicht gefeit, sagt die Pflegewissenschaftlerin Gabriele \nMeyer von der Universit\u00e4t Witten\/Herdecke. Laut einer Aufstellung des \nInstituts f\u00fcr Qualit\u00e4t und Transparenz von Gesundheitsinformationen \n(IQTG) soll beispielsweise die Deutsche Alzheimergesellschaft im Jahr \n2010 f\u00fcr Veranstaltungen rund 42.000 Euro an Zuwendungen von der \nPharmaindustrie erhalten haben. Unter den Spendern: Janssen-Cilag, \nEisai, Pfizer \u2013 alles Firmen, deren Mittel in deutschen \nAltenpflegeheimen tagt\u00e4glich zum Einsatz kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quelle: <\/strong><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/web-wissen\/article1936606\/Zehntausende-Senioren-mit-Pillen-ruhig-gestellt.html\" target=\"_blank\"><strong>www.morgenpost.de\/web-wissen\/article1936606\/Zehntausende-Senioren-mit-Pillen-ruhig-gestellt.html<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Chemische Gewalt&#8220;: Fast eine Viertelmillion Demenzkranke bekommen Psychopharmaka, um sie ruhig zu stellen \u2013 das spart Geld und Personal. Herr Moser macht viel zu viel Arbeit. Das haben die Pfleger im Altenheim seinen Verwandten schon h\u00e4ufig gesagt. Anstatt zu schlafen, laufe er nachts \u00fcber die G\u00e4nge, meist mit einem Urinfleck in der Hose. 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