{"id":3986,"date":"2020-02-19T13:24:35","date_gmt":"2020-02-19T12:24:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/?post_type=vitalstoff_journal&#038;p=3986"},"modified":"2020-04-06T10:36:45","modified_gmt":"2020-04-06T08:36:45","slug":"pharma-lobbyisten-eine-fast-anonyme-macht","status":"publish","type":"vitalstoff_journal","link":"https:\/\/www.naturepower.de\/vitalstoff-journal\/fakten-widerreden\/pharmaindustrie\/pharma-lobbyisten-eine-fast-anonyme-macht\/","title":{"rendered":"Pharma-Lobbyisten: Eine fast anonyme Macht"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lobbyisten arbeiten im politischen Halbdunkel, kaum jemand au\u00dferhalb\n des Parlaments kennt ihr Gesicht. Cornelia Yzer ist Deutschlands \neinflussreichste Pharmalobbyistin. <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Portr\u00e4t von Anita Blasberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die m\u00e4chtigste Frau im deutschen Gesundheitswesen hat keine  \u00f6ffentliche Funktion, kein \u00f6ffentliches Gesicht und keinen \u00f6ffentlichen  Namen. Vielleicht liegt das daran, dass es zu ihrem Beruf geh\u00f6rt, nicht  zu viel Wind zu machen, daran, dass ihr Gesicht glatt und gleichm\u00e4\u00dfig  ist wie das einer Porzellanpuppe, oder auch daran, dass ihr Name klingt  wie ein Streifschuss. Cornelia Yzer jedenfalls verschickt lieber  Pressemitteilungen als in Fernseh-Talkshows zu reden, und wenn sie es  doch einmal tut, dann feuert sie S\u00e4tze ab wie mit einer  Maschinenpistole. So lange zum Beispiel, bis sie mindestens einmal die  W\u00f6rter Innovationen, Innovationsh\u00fcrden und Innovationsstopp platziert  hat; so lange, bis sogar Sabine Christiansen sagt, dass man ja nun  Bescheid wisse und das auch irgendwie eine Diskussionsrunde sei.  Cornelia Yzer schaut dann zufrieden, sie lacht, und sie tr\u00e4gt ein beiges  Kost\u00fcm mit einer Perlenkette zu blonden Haaren und rot lackierten  Fingern\u00e4geln. Im Gesundheitsministerium wird Frau Yzer gerne auch &#8222;der  General&#8220; genannt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Verband vertritt die Interessen international operierender Konzerne<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cornelia Yzer, 42, k\u00e4mpft an vorderster Front f\u00fcr die Interessen der Pharma-Industrie. Sie ist Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des <a href=\"http:\/\/www.vfa.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA)<\/a>,\n dessen 44 Mitgliedsfirmen rund zwei Drittel des deutschen \nPharma-Marktes beherrschen. Seit seiner Gr\u00fcndung 1993 hat der \nfinanzstarke VFA andere Pharma-Verb\u00e4nde an Einfluss weit \u00fcberrundet. Er \nvertritt die Interessen international operierender Konzerne, er k\u00e4mpft \nf\u00fcr umfassenden Patentschutz und gegen die deutsche \nKostend\u00e4mpfungspolitik. Cornelia Yzer befehligt im Berliner \nRegierungsviertel einen Apparat von f\u00fcnfzig Mitarbeitern, und wenn man \nheute einen Termin bei ihr bekommen hat, dann deshalb, weil die Zeiten \nf\u00fcr Lobbyisten nicht die besten sind &#8211; und besonders schlecht sind f\u00fcr \ndie der Pharma-Industrie. Allerorts wird die ausufernde Macht der \nInteressen-Vertreter beklagt und sp\u00e4testens, seit PR-Berater Hunzinger \nmit Verteidigungsminister Scharping Hemden kaufen war, ist der Ruf der \nBranche im Eimer. Experten sind sich einig, dass im Gesundheitssystem \nder Einfluss von Lobbys gr\u00f6\u00dfer und sch\u00e4dlicher ist als anderswo, und \nkein Artikel \u00fcber die Gesundheitsreform vergisst, die Schuld der \n&#8222;Pharma-Lobby&#8220; zu erw\u00e4hnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich w\u00e4re es sch\u00f6n, unser Image ein wenig zu korrigieren&#8220;, sagt  Herr Raulf bei der Begr\u00fc\u00dfung. Herr Raulf ist Leiter der  Kommunikationsabteilung des VFA und heute so etwas wie Frau Yzers  Wachhund. Er macht einen ausgeglichenen Eindruck, und w\u00e4hrend man mit  ihm im Aufzug in den vierten Stock zuckelt, sagt er, dass Frau Yzer nun  wahrlich nicht so langsam sei wie dieser Lift. Angesichts ihrer rasanten  Karriere hat man keine Probleme, ihm das zu glauben: Mit 28 wurde  Cornelia Yzer Juristin bei <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bayer_AG\" target=\"_blank\">BAYER<\/a>,  mit 29 zog sie f\u00fcr die CDU in den Bundestag, mit 30 wurde sie die  j\u00fcngste Staatssekret\u00e4rin in Kohls Regierung, und nur f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter  wechselte sie auf den hoch dotierten Chefposten beim VFA. &#8222;Zwei Herren  dienen, doppelt kassieren&#8220;, kommentierte sogar die <em>Welt<\/em>, weil die  hauptberufliche Lobbyistin ihr Abgeordneten-Mandat behielt &#8211; Cornelia  Yzer gilt seither als Prototyp einer neuen Interessen-Vertretung:  selbstbewusst, wendig, professionell, effizient.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Lobbyistin aus Leidenschaft<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das mit der Effizienz fing bei ihr direkt nach der Schule an: Kohls \nM\u00e4dchen aus L\u00fcdenscheid, Westfalen, hat nicht nur Jura und \nWirtschaftswissenschaften studiert, sondern nebenher die CDU im \nM\u00e4rkischen Kreis erobert. Der Abgeordnete, bei dem sie ein Praktikum \nabsolvierte, bot ihr an, f\u00fcr seinen Wahlkreis zu kandidieren. Und die \nFrau, von <em>Bild<\/em> einst als &#8222;sch\u00f6nste Frau in Kohls Kabinett&#8220; \nbetitelt, wusste fr\u00fch, was sie sucht: Herausforderungen. Ein paar Jahre \nsp\u00e4ter setzte sie sich als Staatssekret\u00e4rin in R\u00fcttgers \nForschungsministerium f\u00fcr Gen- und Biotech ein; schlie\u00dflich wurde sie \nvon der Politikerin zur Lobbyistin, weil &#8222;die Pharma-Industrie eine \nhochspannende Branche&#8220; ist, &#8222;die innovativste, die ich kenne&#8220;. Cornelia \nYzer lacht oft und gern, sie wirft dabei ihre blonden Haare zur\u00fcck, und \nmanchmal wirkt das bedrohlich. Sie ist Lobbyistin aus Leidenschaft.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Lobbyisten haben so viel Einfluss wie nie zuvor&#8220;, titelte vergangenes Jahr die <em>Zeit<\/em>:\n Das Gesch\u00e4ft mit dem Einfluss ist verglichen mit Bonner Zeiten in \nBerlin geradezu explodiert; rund 4.500 Lobbyisten haben inzwischen \nHaus-Ausweise f\u00fcr den Bundestag, 1.781 Verb\u00e4nde &#8211; so viele wie nie zuvor\n &#8211; sind beim Parlament registriert und haben das Recht, sich an \nGesetzgebungsverfahren zu beteiligen. Nicht weniger als 140 Verb\u00e4nde \nwaren allein zum Hearing zur Gesundheitsreform angemeldet. Die Branche \nwird immer un\u00fcbersichtlicher und schneller &#8211; und sie hat sich durch das \n&#8222;Modell Seitenwechsel&#8220; professionalisiert: Viele Minister, \nStaatssekret\u00e4re und Abgeordnete stellen ihre Kontakte und \nInsider-Kenntnisse in den Dienst von Firmen und Verb\u00e4nden. BAHN-Chef \nMehdorn besch\u00e4ftigt diverse Ex-Verkehrsminister; Hans Sendler, der \nfr\u00fchere Chef des <a href=\"http:\/\/www.bpi.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI)<\/a>,\n lernte sein Handwerk im nordrhein-westf\u00e4lischen Sozialministerium; der \nehemalige Kohl-Referent Rolf Reher steht heute auf der Gehaltsliste der \nBAYER AG.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cornelia Yzer sitzt in einem gro\u00dfen wei\u00dfen Konferenzraum, sie hat die\n Beine \u00fcbereinander geschlagen und tr\u00e4gt ein weinrotes Kost\u00fcm. &#8222;Ich \nmache keine Politik, sondern leite eine moderne \nDienstleistungsorganisation&#8220;, sagt sie, und dass sie \n&#8222;Entscheidungstr\u00e4ger lediglich ber\u00e4t &#8211; die der Mitgliedsunternehmen und \ndie der Politik&#8220;. Irgendwo hinter ihren gro\u00dfen blauen Augen ist jetzt \nder Autopilot eingeschaltet, und es scheint, als k\u00f6nne sie die nun \nfolgenden Rechtfertigungen im Schlaf runterbeten: &#8222;Wir Lobbyisten \nentscheiden nichts, wir beraten nur und speisen Fakten in den \npolitischen Prozess. Drei Viertel meiner Arbeit haben mit aktiver \nEinflussnahme nichts zu tun. Wir helfen der Politik, Fehler zu \nvermeiden.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klaus Kirschner (SPD) ist Vorsitzender des Gesundheitsausschusses und  w\u00fcrde wohl lautstark protestieren. &#8222;Die Lobbymacht der  Leistungserbringer im Gesundheitssystem nimmt stetig zu&#8220;, sagt er,  &#8222;gegen\u00fcber dem VFA und \u00c4rzte-Verb\u00e4nden sind Krankenkassen-Vertreter und  Patienten-Organisationen unterentwickelt und meilenweit unterlegen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Auch die Gesundheitsreform kann als Sieg der Lobbyisten betrachtet werden<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Einsparungen in H\u00f6he von 20 Milliarden Euro tragen in erster \nLinie die Patienten &#8211; Gesundheitsministerin Schmidt und ihr \nCSU-Vorg\u00e4nger Seehofer nennen das &#8222;versichertenbezogene Finanzierung&#8220;. \nDie Positivliste, welche die Flut der 40.000 verschreibungspflichtigen \nMedikamente eind\u00e4mmen sollte, gilt als endg\u00fcltig verbrannt. Sie \nscheiterte am Einfluss der CDU &#8211; und vor allem am Veto des hessischen \nMinisterpr\u00e4sidenten Koch, in dessen Land Pharmakonzerne wie Merck und \nAventis ihre Steuern zahlen <em>(und dem Einspruch Wolfgang Clements aus dem BAYER-Land NRW, Anm. SWB)<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die Pharma-Branche seit Jahren in zweistelligen \nWachstumsraten denkt, mussten die Kassen allein 2002 23,4 Milliarden \nEuro f\u00fcr Medikamente ausgeben &#8211; das ist mehr als doppelt so viel wie \nnoch 1990, und das ist inzwischen mehr als die Honorarkosten f\u00fcr alle \nniedergelassenen \u00c4rzte. Die j\u00e4hrlichen Kostensteigerungen entstehen fast\n ausschlie\u00dflich durch den Ersatz vorhandener Medikamente durch teurere \nPr\u00e4parate, die von den gro\u00dfen Konzernen auf den Markt gepusht werden &#8211; \nrund 4,2 Milliarden Euro, hat der Pharmakologe Ulrich Schwabe errechnet,\n k\u00f6nnten eingespart werden durch die Verschreibung preiswerterer \nPr\u00e4parate mit gleicher Wirkung.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man sie mit diesen Zahlen konfrontiert, rutscht Cornelia Yzer  auf ihrem Stuhl augenblicklich in eine aufrechtere Position, und so  etwas wie Emp\u00f6rung mischt sich in ihre Stimme. &#8222;Was ist dramatisch  daran, dass heute mehr f\u00fcr Arzneimittel ausgegeben wird als fr\u00fcher?&#8220;  Herr Raulf r\u00e4uspert sich, doch Frau Yzer kommt langsam in Fahrt: &#8222;Das  ist doch eine erfreuliche Entwicklung, wenn Arzneimittel \u00fcberkommene,  den Patienten st\u00e4rker belastende Therapie-Ans\u00e4tze ersetzen und neue  Heilungschancen er\u00f6ffnen. Sehen Sie sich doch mal die Innovationen in  der Pharma-Industrie an: Viele Operationen sind durch  Arzneimittel-Therapien \u00fcberfl\u00fcssig geworden &#8211; das ist ein Segen f\u00fcr die  Patienten!&#8220; Herr Raulf schaut nun ganz zufrieden, dann wirft er ein,  dass man ja mal den Vergleich mit dem Sprit-Preis machen k\u00f6nne: W\u00e4re der  genauso bed\u00e4chtig gestiegen wie der Medikamenten-Preis, w\u00fcrde der Liter  Benzin heute ein paar Cent kosten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Gewinn-Margen der internationalen Pharma-Konzerne sind gigantisch<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz unabh\u00e4ngig von der Benzinpreis-Entwicklung sind die  Gewinn-Margen der internationalen Pharma-Konzerne gigantisch.  Verantwortlich hierf\u00fcr ist in erster Linie das Patent-Monopol:  Patentgesch\u00fctzte Megaseller wie BAYERs GLUCOBAY gleichen einer Lizenz  zum Gelddrucken: Mindestens sechs Jahre lang kann ein Hersteller seinen  Preis beliebig festsetzen &#8211; bei nackten Produktionskosten von wenigen  Cent. Obwohl sie ihre Hochpreis-Politik mit immensen Forschungskosten  begr\u00fcnden, investieren die Konzerne ein Drittel ihres Umsatzes ins  Marketing, welches so zum heimlichen Kerngesch\u00e4ft avanciert ist &#8211; nur  rund die H\u00e4lfte dieses Betrags geht in die medizinische Forschung. In  der Folge nimmt sich der pharmazeutische Fortschritt bescheiden aus:  Eine Studie der Harvard-Mediziner Arnold Relman und Marcia Angell  belegt, dass nur f\u00fcnfzehn Prozent der seit 1990 zugelassenen Medikamente  Wirkstoffe enthalten, die nachweislich mehr n\u00fctzen als ihre Vorg\u00e4nger;  von 3.000 neu zugelassenen Medikamenten stufte die unabh\u00e4ngige  Arzneimittelkommission gerade einmal 755 als ratsam ein. Der  Gesundheits\u00f6konom Karl Lauterbach bezeichnet Deutschland gern auch als  den &#8222;Pharma-M\u00fclleimer Europas&#8220;. &#8222;In Deutschland&#8220;, sagt er, &#8222;werden  Medikamente verschrieben und erstattet, die in anderen L\u00e4ndern wegen  ihrer Umstrittenheit l\u00e4ngst nicht mehr auf dem Markt sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Nur bei partei\u00fcbergreifenden Konsensrunden ist der Lobby-Einfluss erledigt<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl etwa der Patentschutz oder das Zulassungsverfahren f\u00fcr \nMedikamente nicht angetastet wurden, sieht man sich beim VFA als \nVerlierer der Gesundheitsreform. &#8222;Die Industrie muss schlie\u00dflich drei \nMilliarden beisteuern&#8220;, sagt Cornelia Yzer, &#8222;wir Lobbyisten sind bei der\n Konsensfindung au\u00dfen vor geblieben &#8211; sobald Sie eine \npartei\u00fcbergreifende Konsensrunde haben, ist der Lobby-Einfluss \nerledigt&#8220;. Beim VFA, sagt sie, habe man im \u00dcbrigen nichts gegen \nPositivlisten, man habe nur etwas gegen Innovationsh\u00fcrden. Beim VFA \nscheint man diesen Begriff zu m\u00f6gen &#8211; er liegt in seiner Werkzeugkiste \ngleich neben dem Spritpreis-Vergleich. Wenn Frau Yzer f\u00fcr ein k\u00fcrzeres \nZulassungsverfahren f\u00fcr Medikamente wirbt, sagt sie, dass ein neuer \nComputer ja auch nicht drei Monate auf seine Unbedenklichkeit \u00fcberpr\u00fcft \nwerde; wenn sie gegen das &#8222;Institut f\u00fcr Qualit\u00e4tssicherung&#8220; \nargumentiert, dann spricht sie von Staatsmedizin; und wenn einer das \nWort Kostend\u00e4mpfung erw\u00e4hnt, malt sie das Bild vom Niedergang des \nPharmastandorts Deutschland. Beobachtet man Cornelia Yzer bei <em>Sabine Christiansen<\/em>,\n gewinnt man den Eindruck, dass sie mit Worten ficht: Mit dem Eifer \neiner jungen Rekrutin tr\u00e4gt sie ihre Standards vor, \u00fcberraschende Hiebe \nlandet sie nicht &#8211; vielleicht, weil sie eine Maske tr\u00e4gt und nur nach \nvorn blickt, nicht nach links und nicht nach rechts, vielleicht auch, \nweil sie mit dem Schwert k\u00e4mpft und nicht mit dem Florett.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kenne drei Gruppen von Lobbyisten, sagt ein Beamter aus dem  Gesundheitsministerium: die Konstruktiven, die Schaumschl\u00e4ger und die  Betonk\u00f6pfe. Frau Yzer, schickt er hinterher, w\u00fcrde er wohl in die letzte  Kategorie einordnen &#8211; sie gilt, sagt er, als eine, die mit Tunnelblick  Industrie-Phrasen nachbetet, sie gilt als Verbandschefin, die hart ist  wie Beton. Einen guten Ruf genie\u00dft sie bei den Ministerialen nicht. Doch  f\u00fcr die niederen B\u00fcrokratie-Ebenen sind ohnehin ihre Mitarbeiter  zust\u00e4ndig: Cornelia Yzer ist beim VFA so etwas wie der Kanzler &#8211; sie  verf\u00fcgt \u00fcber die Richtlinien-Kompetenz und dirigiert die einzelnen  Ressorts; ihre politischen Ansprechpartner sind Staatssekret\u00e4re und  Minister.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wir erbringen Dienstleistungen in beide Richtungen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie muss man sich die Arbeit eines Pharma-Lobbyisten vorstellen? Wenn  man Cornelia Yzer diese Frage stellt, beugt sie sich nach vorn. Sie  wirkt jetzt sehr konzentriert, und ihre Antworten kommen wie gedruckt.  &#8222;Wir erbringen Dienstleistungen in zwei Richtungen: Wir informieren  unsere Mitgliedsunternehmen, inwiefern sich die politischen  Rahmenbedingungen \u00e4ndern. Und wir kl\u00e4ren die Politik auf, inwiefern sich  ver\u00e4nderte Rahmenbedingungen auf die Pharmaindustrie auswirken.&#8220; \u00dcber  welche handwerklichen F\u00e4higkeiten m\u00fcssen Ihre Mitarbeiter verf\u00fcgen?  &#8222;\u00dcber fachliches Wissen, Pr\u00e4zision sowie kommunikative und soziale  Kompetenz. Ein Lobbyist muss adressatengerecht handeln &#8211; er muss die  Lage des Beamten oder Politikers ber\u00fccksichtigen, der den  Interessen-Ausgleich herstellen muss. Und er sollte sich nur dann  einmischen, wenn er wirklich etwas beizusteuern hat.&#8220; Wie wichtig ist  dabei die pers\u00f6nliche Ebene? &#8222;Sehen Sie, ich muss ein  Vertrauensverh\u00e4ltnis aufbauen: Das mache ich einerseits \u00fcber solide  fachliche Arbeit, andererseits \u00fcber die F\u00e4higkeit, komplizierte  Zusammenh\u00e4nge einleuchtend zu erkl\u00e4ren. Erfolgreich sind wir dann, wenn  wir von den Entscheidern selbst angefragt werden.&#8220; Wann greifen Sie von  sich aus ein? &#8222;Im Optimalfall setzt unsere Beratung im fr\u00fchen  Entscheidungsstadium an. Wenn die Beamten sich zun\u00e4chst orientieren,  sich Basiswissen aneignen m\u00fcssen. In dieser Phase k\u00f6nnen wir  konstruktiven Einfluss auf den Gesetzestext nehmen, auch juristische  Hilfe bei Formulierungen anbieten. Wenn das Gesetz erst mal im Parlament  ist, sind \u00c4nderungen nur noch schwer zu bewirken, wenn es dann im  Vermittlungsausschuss h\u00e4ngt, entscheiden nicht mehr Fakten, sondern  politische Opportunit\u00e4ten.&#8220; Und inwieweit n\u00fctzen Ihnen Ihre politischen  Erfahrungen? &#8222;Zun\u00e4chst kenne ich nat\u00fcrlich die politischen  Entscheidungskan\u00e4le. Und ich wei\u00df, dass deutsche Abgeordnete personell  miserabel ausgestattet sind: Ein Einzelner kann ohne fachliche  Hilfestellung von au\u00dfen kein Gesetz einbringen &#8211; er hat meistens keinen  Zugriff auf Expertisen eigener Mitarbeiter, und er muss abw\u00e4gen, welchem  Lobbyisten er Vertrauen schenkt. Zudem wei\u00df ich, wann Lobbyisten l\u00e4stig  werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das Problem ist, dass vielen Abgeordneten das Urteilsverm\u00f6gen fehlt<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Beamte im Gesundheitsministerium hat Erfahrung mit l\u00e4stigen \nPharma-Lobbyisten. &#8222;Immer dann, wenn etwas in Planung ist, geraten wir \nins Kreuzfeuer&#8220;, sagt er, &#8222;die greifen sich die Leute an den \nSchaltstellen und bombardieren sie mit Anrufen, Mails und SMS.&#8220; Das Ziel\n der Lobbyisten seien die Rohentw\u00fcrfe von Gesetzestexten, die sie meist \neher sichten als die Abgeordneten. Von immer perfideren \nEinflussstrategien berichtet der Parlamentarier Klaus Kirschner: Die \nFirma SCHWARZ-PHARMA, die durchblutungsf\u00f6rdernde Mittel vertreibt, \nschickte erst neulich den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses Fotos \nvon abgestorbenen F\u00fc\u00dfen und verst\u00fcmmelten Beinen auf die Rechner, anbei \ndie Frage: &#8222;Wollen wir einen R\u00fcckschritt ins Mittelalter?&#8220; Der \nLobbyismus, sagt Kirschner, werde immer aggressiver und professioneller.\n Das Problem ist, dass vielen Abgeordneten das Urteilsverm\u00f6gen fehlt. \nUnd nat\u00fcrlich gebe es auch schwarze Schafe, die im Ruf stehen, \nbeeinflussbar zu sein: &#8222;Bei kleinen Anfragen kann man oft genug \nheraush\u00f6ren, auf welcher Lobbyisten-Veranstaltung der Abgeordnete gerade\n abgef\u00fcttert wurde.&#8220; Die Wirkung der Lobbyisten, sagt der \nMinisterialbeamte, basiere vor allem auf pers\u00f6nlichen Beziehungen: Man \ngeht zusammen joggen, man geht essen, man bringt sich auf den neuesten \nStand. &#8222;Es ist ein Geben und Nehmen&#8220;, sagt er, &#8222;und man muss aufpassen, \ndass man nicht in Versuchung ger\u00e4t.&#8220; Essenseinladungen und kleinere \nGeschenke &#8211; CDs oder Bildb\u00e4nde, nichts \u00fcber 25 Euro &#8211; seien \u00fcblich, bei \ngesponserten Wochenendtrips oder gut dotierten Vortragseinladungen aber \nwerde es gef\u00e4hrlich. Das Gesch\u00e4ft mit dem Einfluss bl\u00fcht in einer \nGrauzone: &#8222;Die Transparenz ist gleich null&#8220;, sagt der Beamte, &#8222;niemand \nkann nachvollziehen, von wem einer seine Informationen bezieht, niemand \nmuss offen legen, wer ihm bei seinem Referat geholfen hat&#8220;.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Meisterst\u00fcck, erinnert er sich, vollbrachte die Pharmalobby im  November 2001, als Ministerin Schmidt einen vierprozentigen Preisablass  f\u00fcr patentgesch\u00fctzte Medikamente verf\u00fcgte. Nachdem sie im Ministerium  auf Granit bissen und der Bundestag das Gesetz schon beschlossen hatte,  zogen die Lobbyisten die Notbremse: Bei einem eilig anberaumten Treffen  im Kanzleramt einigten sich hochrangige Pharma-Vertreter mit dem Kanzler  auf eine Einmalzahlung von 300 Millionen Euro &#8211; die d\u00fcpierte Ministerin  musste daf\u00fcr ihr Gesetz zur\u00fcckziehen und zwei Jahre auf  Preisregulierungen verzichten. F\u00fcr die Firma PFIZER intervenierte damals  gar der US-Botschafter beim Kanzler.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Moral ist eine irrelevante Gr\u00f6\u00dfe<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">War dieser Deal sauberer Lobbyismus? Cornelia Yzer lacht laut und \nsch\u00fcttelt sich. &#8222;Sie m\u00fcssen es doch mal so betrachten&#8220;, sagt sie dann, \n&#8222;unsere Zahlung war eine freiwillige Selbstverpflichtung, so etwas ist \netwa im Umweltbereich auch \u00fcblich. Die Regierung hat profitiert, die \nKassen haben profitiert und wir auch &#8211; was ist daran unredlich?&#8220; \nCornelia Yzer war zwar mal Politikerin, doch ihr Weltbild ist das einer \nJuristin: Ihre Perspektive ist in sich logisch, geschlossen und \nunumst\u00f6\u00dflich. Aus Sicht eines Juristen kann es auch in Unrechtsystemen \nschl\u00fcssige Rechtssysteme geben &#8211; Moral ist eine irrelevante Gr\u00f6\u00dfe. Die \nVorstellung, Lobbyismus sei ein untransparentes Gesch\u00e4ft, stimme mit der\n Realit\u00e4t nicht \u00fcberein, sagt Cornelia Yzer, &#8222;beim runden Tisch zur \nGesundheitsreform hatten alle Beteiligten unsere Gesetzesvorschl\u00e4ge auf \ndem Tisch, im Internet kann jeder unsere Positionen nachlesen&#8220;. Die \nMitarbeiter des VFA m\u00fcssen nicht mit Geldkoffern hantieren, und sie \nm\u00fcssen auch keine Hemden kaufen. Das machen Leute wie Hunzinger. Frau \nYzer sagt: &#8222;Unsere wichtigsten Werkzeuge sind Information und \nKommunikation.&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann Klaus Kirschner best\u00e4tigen. &#8222;Den gr\u00f6\u00dften Einfluss&#8220;, sagt er,\n &#8222;hat das Vorfeld-Lobbying, die Norm- und Wertsetzung durch die \nIndustrie, die Kolonisierung der K\u00f6pfe durch geschicktes Marketing.&#8220; Die\n Pharma-Lobby organisiert parlamentarische Abende zu medizinischen \nThemen, sie sponsert Kongresse und Studien &#8211; und sie steuert den \nGro\u00dfteil der \u00e4rztlichen Aus- und Weiterbildung. All dies trage dazu bei,\n dass eine pharma-kritische Wahrnehmung kaum mehr m\u00f6glich sei. Dass \neinige Pharma-Konzerne aber auch noch andere Werkzeuge im Repertoire \nhaben, hat Ellis Huber, der ehemalige Pr\u00e4sident der Berliner \n\u00c4rztekammer, erfahren: Als er Mitte der Neunziger eine eigene \nPositivliste publizierte, wurde er von vierzehn Herstellern verklagt und\n die Liste als &#8222;Eingriff in den freien Markt&#8220; verboten. &#8222;Vor der \nfinanziellen Potenz der Konzerne musste ich kapitulieren&#8220;, sagt Huber, \nder insgesamt 110.000 Euro Prozesskosten zu tragen hatte. Auch Professor\n Peter Sch\u00f6nhofer ist bereits rund drei\u00dfigmal von der Industrie verklagt\n worden, weil er als Mitherausgeber des unabh\u00e4ngigen <em>arznei-telegramms<\/em> auf die Sch\u00e4dlichkeit einzelner Wirkstoffe und Pr\u00e4parate hingewiesen hat.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man Cornelia Yzer abschlie\u00dfend fragt, ob sie sich noch dem \nAllgemeinwohl verpflichtet f\u00fchle, muss sie nicht lange \u00fcberlegen: &#8222;Die \nInteressen des VFA decken sich mit dem Interesse der Allgemeinheit: Wir \nwollen ein zukunftsf\u00e4higes Gesundheitssystem.&#8220; Zynismus kann man \nCornelia Yzer, Pharma-Lobbyistin und Christdemokratin, nicht vorwerfen. \nSie agiert mit dem Selbstbewusstsein einer Soldatin &#8211; und mit der \nGewissheit einer Gl\u00e4ubigen.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anita Blasberg hat diesen Artikel zuerst im <\/strong><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2004\/05\/15\/a0282.nf\/text\" target=\"_blank\"><strong>taz Magazin vom 15.5.2004<\/strong><\/a><\/em><strong> ver\u00f6ffentlicht.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lobbyisten arbeiten im politischen Halbdunkel, kaum jemand au\u00dferhalb des Parlaments kennt ihr Gesicht. Cornelia Yzer ist Deutschlands einflussreichste Pharmalobbyistin. Ein Portr\u00e4t von Anita Blasberg Die m\u00e4chtigste Frau im deutschen Gesundheitswesen hat keine \u00f6ffentliche Funktion, kein \u00f6ffentliches Gesicht und keinen \u00f6ffentlichen Namen. Vielleicht liegt das daran, dass es zu ihrem Beruf geh\u00f6rt, nicht zu viel Wind [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"parent":3980,"menu_order":5,"template":"","class_list":["post-3986","vitalstoff_journal","type-vitalstoff_journal","status-publish","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pharma-Lobbyisten: Eine fast anonyme Macht - Vitalstoff-Journal<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Das schlimme ist, dass die Schulmedizin auf dem besten Weg ist, durch die Pharmastrategen unmerklich zur Quacksalberei zu verkommen. 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